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"Antisemitismus": Skandinavien spürt Israels Zorn

(c) EPA (Sven Nackstrand)
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Ein Boulevardartikel über angeblichen Organhandel der israelischen Armee löst diplomatische Krise aus. Israel protestiert gegen 150-Jahr-Feiern für den Literaten und „Nazibewunderer“ Knut Hamsun.

Kopenhagen/Stockholm. Wie sich doch die Bilder ähneln: Ein Streit, der seit einer Woche zwischen Israel und Schweden tobt, weckt starke Erinnerungen an die Karikaturenkrise, als vor vier Jahren eine dänische Zeitung mit ihren Zeichnungen des Propheten Mohammed die Gefühle von Millionen Muslimen verletzte.

Nur ist es diesmal Israel, das mit Empörung auf einen Artikel reagiert, den Schwedens auflagenstärkste Zeitung, „Aftonbladet“, publiziert hat. Thema: Haben israelische Soldaten getöteten Palästinensern Organe entnommen?

Wie damals islamische Vertreter von der dänischen Regierung ein Eingreifen und eine Entschuldigung verlangten, fordern nun israelische Politiker, Stockholm möge doch den Artikel verurteilen. Und wie damals Kopenhagen erwidert diesmal Stockholm: Wir können uns nicht darin einmischen, was schwedische Zeitungen drucken.

 

Kritik auch in Schweden

Der umstrittene Text stammt vom freien Journalisten Donald Boström, der unter dem Titel „Die Organe unserer Söhne werden geplündert“ Gerüchte, die er unter Palästinensern gehört hatte, mit einer kürzlich in den USA aufgeflogenen Affäre um illegalen Organhandel verwob. Er warf die Frage auf, ob israelische Soldaten getöteten Feinden Organe entnommen hätten, und belegte den Vorwurf durch Gespräche mit Hinterbliebenen von Kriegsopfern und mit einem eigenen Erlebnis von 1992. Da hatte er gesehen – und fotografisch dokumentiert –, wie Soldaten die Leiche eines palästinensischen 19-Jährigen zurückgaben, die offensichtlich obduziert worden war. Brust und Bauch waren frisch vernarbt. Beweise für eine Organentnahme lieferte er nicht.

„Aftonbladet“ rechtfertigte die Publizierung später so: Man habe ja nicht behauptet, dass Organdiebstahl tatsächlich vorkomme. Boström habe nur eine Untersuchung gefordert. Dennoch rief der Artikel auch in Schweden geharnischte Kritik hervor. Die liberale „Sydsvenskan“ taufte die Zeitung in „Antisemitbladet“ um und warf ihr vor, sie habe sich mit alten antijüdischen Klischees in dieses Eck gestellt. Doch als israelische Politiker begannen, von Schweden eine Entschuldigung zu fordern, schlossen die Medien die Reihen: Ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit sei unerhört. Außenminister Carl Bildt stellte klar: „Wir können uns nicht für einen Artikel in einer unabhängigen Zeitung entschuldigen. Was ,Aftonbladet‘ publiziert, muss ,Aftonbladet‘ verantworten.“

In die Kritik kam dafür Schwedens Botschafterin in Tel Aviv, die die Publizierung des Artikels als „genauso schockierend und widerlich für uns Schweden wie für Israels Bürger“ bezeichnete.

 

„Schweigen zum Holocaust“

„Niemand kann verlangen, dass Schwedens Regierung gegen die Verfassung verstößt“, unterstrich Premier Fredrik Reinfeldt die starke Verankerung der Meinungsfreiheit. „Heuchler“, entgegnete Israels Außenminister Avigdor Lieberman. Während des Karikaturenstreits habe sich Schwedens (damals sozialdemokratische) Außenministerin sehr wohl vom Nachdruck der Mohammed-Zeichnungen in schwedischen Medien distanziert. Die Weigerung, Stellung zu nehmen, verglich Lieberman mit „Schwedens Schweigen während des Holocaust“. Premier Benjamin Netanjahu sagte, Schweden solle den Artikel nicht entschuldigen, aber verurteilen. Die „Blutlüge“ erinnere an alte antisemitische Stereotype, nach denen Juden das Blut von Christen für rituelle Zwecke genutzt hätten.

Am Montag weitete Lieberman seine Angriffe auch auf Norwegen aus, das in diesem Jahr den 150. Geburtstag des Dichters und Literaturpreisträgers – aber auch aktiven Nationalsozialisten – Knut Hamsun begeht. Er sei „erstaunt über die Entscheidung der norwegischen Regierung“, Hamsun zu ehren, obwohl dieser Hitler bewundert hat, polterte der Außenminister, obwohl die Schwierigkeit, das literarische Erbe des Dichters von seinen politischen Verfehlungen zu trennen, eines der wichtigsten Themen des „Hamsun-Jahres“ ist.

Doch offensichtlich sind die Skandinavier im Schussfeld der israelischen Rechtsregierung. Sie hat nicht vergessen, dass norwegische Ärzte im Gaza-Krieg die wichtigsten Augenzeugen waren. Der Antisemitismus-Vorwurf, der nun Schweden trifft, ist auch gegen Norwegen vorgebracht worden, obwohl die jüdischen Gemeinden beider Länder solchen Vereinfachungen widersprechen.

 

Aufrufe zu Schweden-Boykott

Selbst in Unterschriftenaktionen zum Boykott schwedischer Waren – just in Israel, das selbst ständig unter Boykotten leidet – hat die Affäre Parallelen zum Karikaturenstreit. Carl Bildt, derzeit EU-Ratsvorsitzender, versuchte, seinen israelischen Kollegen entgegenzukommen, als er „Verständnis“ für ihre Gefühle zum Ausdruck brachte. Wenn das falsche Bild entstehe, Schweden gehe mit dem Antisemitismus leichtfertig um, wäre er bekümmert.

Doch dies ist seinen Kritikern nicht genug. „Wer eine derartige Verleumdung nicht verurteilt, ist in Israel nicht willkommen“, sagte Finanzminister Yuval Steinitz und meint, man solle den für nächste Woche geplanten Bildt-Besuch in Israel entweder absagen – oder statt über Gaza und Siedlungspolitik „ausschließlich über den Artikel“ reden.

 

Kollektivstrafe für Journalisten

Schwedischen Journalisten soll nun die Arbeit in Israel erschwert werden. Nicht nur Boström riskiert, seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Auch anderen Korrespondenten droht der Entzug der Akkreditierung. Schwedens Journalistengewerkschaft protestierte gegen diese „kollektive Bestrafung“. So etwas kenne man nur aus Diktaturen: „Ich kann mich an kein anderes demokratisches Land erinnern, das so agiert hätte“, sagte die Vorsitzende Agneta Lindblom Hulthen.

Zwei Reportern von „Aftonbladet“ wurde mitgeteilt, es werde drei Monate dauern, ehe ihr Antrag auf einen Presseausweis geprüft sei. Warum so lange? Der ätzende Kommentar von Daniel Seaman, Chef des staatlichen Presseamtes: „Wir müssen untersuchen, ob sie sich als Organspender eignen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2009)