Ehrgeizig, topfit – und 65 Jahre jung

Japan will Pensionisten in Arbeitswelt integrieren.

Tokio (a. k.). In Yubari sind 41 Prozent aller Einwohner 65 Jahre oder älter. Die nordjapanische Stadt ist Schreckgespenst und Fallstudie dafür, was auf das Land zukommt: Laut Schätzungen wird sich der Anteil der Senioren bis 2055 von heute rund einem Fünftel – das ist bereits Weltrekord – verdoppeln.

Vielerorts wächst deshalb nun der Wille, aus der Not eine Tugend zu machen. Menschen über 65 sollten als „unschätzbare Arbeitskraft“ betrachtet werden, fordert Arbeitsökonom Atsushi Seike von der Tokioter Keio-Universität: „Wir müssen jegliche Diskriminierung der Alten abbauen und eine altersfreie Gesellschaft schaffen.“

In Yokohama gehören mehr als 15.000 fitte Pensionisten zur Belegschaft des „Silberzentrums“. Die Behörde vermittelt die „60 plus“ an pflege- und unterstützungsbedürftige Japaner, denen sie gegen eine amtlich vereinbarte Bezahlung und mit staatlichen Zuschüssen die Buchhaltung, Haus- oder Gartenarbeit abnehmen.

Pensionisten werden auch gern als Babysitter eingesetzt – für rund fünf Euro in der Stunde.

Laut Umfragen wollen fast 85 Prozent aller japanischen Ruheständler „irgendwie weiterarbeiten“. Professor Seike regt deshalb an, die Definition von Altersgrenzen neu zu formulieren. Das mittlere Alter sollte auf die Spanne zwischen 30 und über 70 Lebensjahren ausgeweitet werden. Es sei ehrlicher und sozial angenehmer, auch die Terminologie der höheren Lebenserwartung anzupassen.

Ähnlich der Vorschlag der Tageszeitung „Japan Times“: „Man sollte nicht schon bei 65-Jährigen von alten Menschen sprechen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2009)

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