Ein werbefreier ORF wäre allein von Gebühren abhängig – und damit noch stärker von der Politik.
Monika Lindner, von Alexander Wrabetz einst unsanft entthronte Ex-ORF-Chefin, kann sich, wie sie im „Presse“-Interview sagte, einen werbefreien ORF vorstellen. Ohne ORF1, denn sonst wäre es unfinanzierbar. Sie ist nicht die erste, die einen solches Modell andenkt: Gebt dem ORF die Gebührenbefreiung zurück und lasst ihn auf seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag schrumpfen.
Der ORF könnte dann auf einem Kanal ein sicher schlankeres, dafür hochehrwürdiges Programm ohne verteufelte US-Serienkaufware machen, weil er nicht auf die Quote schielen müsste und weil er sein ganzes Budget hineinbuttern könnte. Ein Ergebnis wie die von Wrabetz beklagte Entwicklung – nur 34Prozent Juli-Marktanteil für ORF1 und ORF2 – wäre dann ein Sensationserfolg. Doch: Ob der ORF damit alle Quotendiskussionen los wäre? Schließlich würden die Zuschauer immer noch Gebühren zahlen – und folglich jeder für sich zu Recht erwarten, dass sich seine/ihre Programmwünsche erfüllen. Die der Opernfreunde. Jene der Fußballfans. Die Vorstellungen der News-Junkies usw.
Würde der ORF an politischer Unabhängigkeit gewinnen? Eher im Gegenteil, weil er dann allein von den Gebühreneinnahmen abhängig wäre. Und dass die Entscheidung über die Notwendigkeit einer Gebührenerhöhung ohne politischen Einfluss fallen könnte, darf in der Praxis der österreichischen politischen Farbenlehre ausgeschlossen werden. Dafür würden Privatsender an Bedeutung gewinnen, die mehrfach bewiesen haben, dass auch sie informative und objektive Beiträge zur politischen Diskussion leisten können. Sie müssten dann auch nicht mit einer Medienförderung abgespeist werden, die zum Leben zu wenig, zum Sterben aber zu viel ist. Wermutstropfen für die Zuschauer: je mehr Privat-TV, desto mehr Unterbrecherwerbung.
Derzeit stellt niemand ORF1 ernsthaft zur Diskussion. Lindner meint aber, man sollte zumindest darüber nachdenken. Politik und Gesellschaft sollten sich klar werden, wie viel öffentlich-rechtliches TV das Land will und braucht. Denn wenn es weiter so bergab geht – mit Image, Quoten, Werbeeinnahmen –, dann könnte sich die Frage eines Tages doch stellen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2009)