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Komponieren und dichten für José Carreras

José Carreras (r.) als Richter im Prozess um die Kindesentführungen in der Franco-Ära in Spanien: am 2. und 5. Juli im Theater an der Wien.
José Carreras (r.) als Richter im Prozess um die Kindesentführungen in der Franco-Ära in Spanien: am 2. und 5. Juli im Theater an der Wien.(c) www.morenoesquibel.com
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Zur Premiere von „El Juez“ im Theater an der Wien: Librettistin Angelika Messner über das Wort-Ton-Verhältnis sowie die Frage, wie Opernaufträge für berühmte Tenöre und Kinder am effektivsten erledigt werden können.

 „El Juez“ heißt die Oper, mit der am Samstag im Theater an der Wien José Carreras sein Wien-Comeback feiert. Das Stück ist dem Publikumsliebling auf den Leib geschneidert worden; und zwar von Christian Kolonovits, der die Stimme des Sängers genau kennt. Dergleichen erinnert an die Vorgangsweise in Hochzeiten des Belcanto, als Komponisten Novitäten genau den stimmlichen Möglichkeiten von Primadonnen und Tenören anzupassen wussten.

Im Fall des „Juez“ ist auch der Text für José Carreras maßgeschneidert und – wie die Musik – ein österreichisches Produkt. Angelika Messner hat ihn geschrieben. Sie arbeitet seit Langem mit Kolonovits zusammen: „Wir haben“, erzählt sie, „für ein Festival in unserer burgenländischen Heimat Stücke geschrieben, in denen er die Volksmusik der Region, also auch kroatische Lieder, herangezogen hat.“

Die erste große gemeinsame theatralische Arbeit war für die heikelste Zuschauergruppe, für Kinder, gedacht: „Antonia und der Reißteufel“ wurde in der Volksoper ein Riesenerfolg. Und das, obwohl Messner quasi ins kalte Wasser gesprungen war: „Ich hatte bis dahin gar nichts Zusammenhängendes fürs Theater geschrieben, nur Collagen, Texte für Rezitationen arrangiert und dafür Übergänge erfunden. Aber ein Theaterstück oder gar ein Libretto, das hätte ich mir gar nicht zugetraut.“

 

Das Leben des „roten Priesters“ Vivaldi

Doch kurz vor dem Volksopern-Projekt vermittelte eine Freundin Idee und detaillierte dramaturgische Vorgaben für einen Opernauftrag aus Osnabrück: Messner verdichtete die Fragmente zum Libretto für Nader Mashayeki. Das war sozusagen eine Initialzündung. „Nächstes Jahr“, sagt Messner, „kommt noch einmal eine Gemeinschaftsarbeit mit Christian Kolonovits an der Volksoper zur Uraufführung.“

„Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“ behandelt das Leben des Komponisten, der als „roter Priester“ in die Stadtgeschichte Venedigs eingegangen ist und, was nicht viele wissen, in Wien gestorben ist.

Das Stück behandelt eine fiktive Begegnung Vivaldis mit Carlo Goldoni, der des Komponisten Vita zu einem Stück verarbeiten soll. „Die fünfte Jahreszeit“, sagt Angelika Messner, „das sind die Pläne, Träume, die man nie verwirklichen kann.“ In der Rahmenhandlung sucht eine Mädchen-Rockband nach Goldonis Text, Vivaldis Musik verschmilzt mit zeitgenössischen Klängen.

„El Juez“, 2014 in Bilbao uraufgeführt und nun im Theater an der Wien nachgespielt, war eine echte Auftragsarbeit. „Die Vorgabe war“, erzählt die Librettistin, „dass José Carreras entweder Italienisch oder Spanisch singen wollte. Sonst gab es keine Restriktionen.“ Das Libretto musste also übersetzt werden, und sollte, „das war Christian Kolonovits und mir klar, ein Thema behandeln, das Carreras nahelag. Ich habe damals zufällig eine BBC-Dokumentation über die sogenannten verlorenen Kinder im Spanien der Franco-Diktatur gesehen und wusste sofort: Das ist unser Thema. Dabei wusste ich gar nicht, dass Carreras von den Unterdrückungsmaßnahmen jener Ära selbst betroffen war.“

Ins Auge gesprungen war der Librettistin jedenfalls das „hoch emotionale Thema, für das ich sofort einen Entwurf skizziert habe. Zusätzlich zu einer dreiseitigen detaillierten Inhaltsangabe arbeiteten wir gemeinsam die Arien für Carreras in den zentralen Szenen aus.“ Der Tenor fasste Vertrauen in das Opernteam. Den Komponisten kannte er von vielen Arrangements, die dieser für ihn gemacht hatte. In enger Zusammenarbeit haben die beiden vor der Uraufführung dann auch an Details gefeilt und in der spanischen Übersetzung noch Worte an die Musik angepasst.

Doch wie entsteht ein Libretto?
,,Ich bin sehr formal“, charakterisiert Angelika Messner ihren Arbeitsstil. Als studierte Geigerin und Musikwissenschaftlerin geht sie freilich durchaus musikalisch vor: ,,Ich versuche, für mich herauszufinden, wie das Stück gebaut sein könnte, entwerfe Szenen zuerst in Prosa, wobei ich während des Schreibens schon merke, ob die Sache auf den Punkt gebracht ist oder nicht. Dann werden die Dinge noch zugespitzt, das geht ganz instinktiv. Erst danach werden die Dialoge entworfen. Wenn Figuren etwas zu sagen bekommen, merkt man erst wirklich, ob die Szene dort ist, wo sie stattfinden muss.“

 

Shakespeares musikalische Metren

Musik gehört von Anfang an dazu: „Ich höre Musik, während ich den Text schreibe“, sagt sie, „nicht die, die jemand anderer dann dazukomponiert, sondern meine Privatmusik. Das beflügelt mich enorm beim Schreiben.“ Komponieren möchte sie aber nicht selbst – „das wäre schrecklich schlecht, ich höre ja nur Melodien. Es fehlt das ganze Drumherum.“ Aus der begeisterten Musikerin („Die Geige wäre die große Liebe gewesen, vielleicht . . .“) ist doch eine leidenschaftliche Theaterautorin geworden.

„Vielleicht komme ich ja auch zum Sprechtheater“, überlegt sie. Für Perchtoldsdorf entstand in Kooperation mit einer Anglistin eine neue Übersetzung des „Sommernachtstraums“, die Michael Sturminger bei den Sommerspielen inszeniert. Sich einfühlsam auf Shakespeares Metren einzulassen, das, so meint Angelika Messner, hätte „ja auch irgendwie mit Musik zu tun“.

Zur Person

Angelika Messner, geboren 1969 in Wien, aufgewachsen in Oberwart, ist Librettistin und
Dramaturgin. Sie studierte Violine sowie Theater- und Musikwissenschaft, arbeitete als Assistentin Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne und arrangiert für Festivals (z. B. Loisiarte) literarische Programme. Libretti schrieb sie u. a. für die Volksoper Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2016)