„Game of Thrones“: Was an Staffel sechs toll war (und was nicht)

Fazit: Für die Autoren der Fernsehserie ist das Fehlen einer Vorlage in Staffel sechs von Vorteil. Mit einer Szene schrieb die Serie – erneut – Fernsehgeschichte.

Spoiler! Also wirklich – nicht reinklicken, wenn Sie Staffel sechs nicht gesehen haben!


Die sechste Staffel „Game of Thrones“ ist vorüber und sie hat mich – wie jede Staffel – einigermaßen berauscht zurückgelassen, zugleich spüre ich nach zehn Wochen Ausnahmezustand ein Gefühl der Leere. Zehn Monate warten heißt es nach dem furiosen Finale. Und dann werden Staffel sieben und acht auch noch kürzer ausfallen. Dieses Gerücht haben die Serienmacher David Benioff und D.B. Weiss nun offiziell bestätigt. Nur mehr 15 Folgen dürfte es insgesamt geben. Das ist wenig. Sind diese Folgen aber so gut wie die letzten beiden aus Staffel sechs, habe ich nichts dagegen.

Denn ich fand die sechste Staffel durchwegs gelungen – und deutlich stärker als die vorhergehende. Warum das so ist, hat mehrere Gründe, vor allem zwei stechen aber heraus: die Freiheit im Storytelling und die „Ernte“. Hier als meine zugegebenermaßen langes Fazit, eingeteilt in „gelungen“ und „weniger gelungen“ (weiter unten).

Sansa Stark und Jon Snow: eigentlich nicht (Halb-)Geschwister, sondern Cousine und Cousin
Sansa Stark und Jon Snow: eigentlich nicht (Halb-)Geschwister, sondern Cousine und Cousin(c) HBO

Was gelungen ist:

1. Der Tod und die „Ernte“

Schon in seiner ersten Staffel hat „Game of Thrones“ mit Konventionen gebrochen und die Art und Weise, wie Serien erzählt werden, verändert. Namentlich mit Ned Starks Tod. Bis das Henkerbeil fiel (sogar noch bis zum Beginn der nächsten Folge, als klar wurde, dass er nicht durch einen Trick überlebt), waren Helden von Fernsehserien von einem plötzlichen, willkürlichen Tod praktisch nie betroffen. Diese „Spielregel“ änderte „Game of Thrones“. Und seitdem haben wir Folge um Folge um unsere Helden gezittert. Zu Recht, selbst Jon Snow, einer der Haupthelden, ist in Staffel fünf gestorben.
Staffel sechs ist da viel konventioneller. Ja, Figuren sterben und ja, es sind wichtige Figuren darunter. Aber keine der wenigen zentralen Protagonisten, die uns seit der ersten Folge begleiten: Bran, Sansa, Arya, Daenerys, Cersei, Jaime, Tyrion. Es gab keine Red Wedding. Jon kehrte sogar von den Toten zurück.

Das Ableben von Margaery (seit Staffel zwei dabei) und Loras Tyrell (immerhin seit Staffel eins) war tragisch, kam aber nicht völlig überraschend und ist weniger dramatisch als der Tod von Robb und Catelyn Stark. Das zeigt sich auch an den Reaktionen der Fans. Aber vielleicht bin ich auch nur schon abgehärtet.

Befriedigend für die Zuschauer waren vor allem die Ereignisse im Norden, vielleicht gefällt die Staffel deshalb. Dort ging so ziemlich alles nach Plan: Jon und Sansa haben Winterfell zurückerobert, Ramsay Bolton wurde von seinen Hunden gefressen – und Jon wurde auch noch zum König im Norden gekrönt. Nach all den Dingen, die wir mit den Starks durchlitten haben, fühlt sich das wie ein wohlverdienter Triumph an. „Zeit der Ernte“ quasi. Dass es bald wieder abwärts geht, ist zu erwarten. Schließlich ist der Winter hier.

2. Die Freiheit im Storytelling

Seit Staffel zwei ist Staffel sechs die erste, bei der ich die Bücher nicht gelesen habe. Diesmal, weil sie noch nicht erschienen sind. Die Serie profitiert vom Fehlen der Buchvorlage. Denn Benioff und Weiss können freier agieren, seit sie George R.R. Martin überholt haben. Es gibt keine Lieblingsszenen aus dem Romanen, bei denen Fans eine möglichst detailgetreue Umsetzung erwarten, keine Lieblingsfiguren, die gestrichen werden könnten.
Die Serie profitiert auch auf cinematografischer Ebene von dieser Freiheit. Einer meiner Lieblingsszenen aus Staffel sechs ist dafür gelungenes Beispiel: Wie Arya das Stück beobachtet, in dem die Figur ihres eigenen Vaters geköpft wird. Die Gefühle, die sich da aus ihrem Gesicht ablesen lassen, verknüpft mit der Erinnerung an dieses Trauma, das immerhin schon fünf Staffeln zurückliegt – alles auf visueller Ebene, ohne Worte. In den Büchern wird das anders erzählt werden ...

3. Die neuen Figuren

Noch immer sechs schafft es „Game of Thrones“, Figuren neu einzuführen, die das Potential zu Zuschauerlieblingen haben. Bestes Beispiel: Die resolute Lady Lyanna Mormont hatte lediglich zwei Szenen, aber die beeindruckten nachhaltig. Jon so im Handstreich zum König zu machen, ist auch aus Sicht der Autoren riskant. Dass es funktioniert, ist dieser Figur und der tollen Darstellung der 12-jährigen Schauspielerin Bella Ramsey zu verdanken.

4. Die Schlacht

Regisseure von Fernsehserien werden selten erwähnt, und wenn, dann handelt es sich meistens um bekannte Filmregisseure, die jetzt eben auch Fernsehen machen. Aber nach „Battle of the Bastards“ muss man sich diesen Namen merken: Miguel Sapochnik. Der Brite hat bereits „Hardhome“ (die Schlacht zwischen Watchers on the Wall und Wildlingen mit den White Walker) inszeniert, und auch das Finale von Staffel sechs, „The Winds of Winter“. Aber „Battle of the Bastards“ ragt hier nochmal heraus. Ich habe noch nie eine Schlachtszene im Fernsehen gesehen, die dieser an Intensität und Ästhetik nahe kommt. Von der langen Kamerafahrt um Jon zu Beginn, den Aufnahmen aus der Luft bis hin zur brutalen „Erstickungsszene“: Dass die Nutzer der Filmdatenbank IMDb die Folge mit 10 von 10 möglichen Punkten bewerten, ist gerechtfertigt. Leider wird Sapochnik in Staffel sieben keine Folge inszenieren. Dafür vielleicht in Staffel acht?

Natürlich kann man auch Kritik üben: Warum kämpft der Riese Wun Wun ohne Waffe und Panzer (aber was wissen wir schon über Riesen und ihre Gewohnheiten)? Wieso schafft es Jon so schnell in die als uneinnehmbar geltende Burg Winterfell (vielleicht war einfach sehr knapp hinter Ramsay)? Muss es wirklich sein, dass die Ritter der Vale of Arryn als Retter in höchster Not einreiten? (Muss nicht, macht mir aber auch nix).

Tiere sind bei der Schlacht übrigens keine zu Schaden gekommen: https://vimeo.com/172374044

Nebenbemerkung: Sapochnik begann seine Karriere als Storyboard-Künstler, etwa bei „Trainspotting“. Er inszeniert auch eine Folge der Marvel-Serie „Iron Fist“, die nächstes Jahr auf Netflix startet. Finn Jones, der Darsteller von Loras Tyrell, spielt die Hauptrolle.

5. Die Frauen

Daenerys Targaryen bleibt erfolgreiche Eroberin, hat neuerdings auch Schiffe und benennt eine ganze Bucht um. Yara Greyjoy muss zwar nach der Niederlage bei der Königswahl vor ihrem Onkel fliehen, stiehlt ihm aber seine besten Schiffe (und mit ihnen sicher auch Seemänner) unter der Nase weg. Sansa rächt sich erfolgreich an Ramsay, Arya an Walder Frey, der ihre Mutter umgebracht hat. Es läuft gut für die Frauen in Westeros. Auch in Dorne (immer noch schwierig, mehr dazu unten) herrscht mit Ellaria Sand eine Frau. Und in King's Landing hat Cersei Lannsiter zwar ihre Kinder verloren, die sie so liebte, sitzt aber auf dem Thron. „Game of Thrones“ ist eine der Serien mit den besten, weil lebensechtesten und ambivalentesten Frauenfiguren. Diese Frauen haben Fehler – und Tugenden. Und sie sind nie langweilig.

6. Dialoge

Ich notiere jede Woche die besten Sager – und die Auswahl ist oft schwer. Nicht nur die Einzeiler (da wandelt „Game of Thrones“ manchmal nahe am Kalauer) sind bemerkenswert, sondern auch die Dialoge. Die beiden besten Dialoge dieser Staffel waren meiner Meinung nach jener zwischen Sansa und Ramsay und jener zwischen Jaime und Edmure. In ersterem wehrt sich Sansa erfolgreich dagegen, dass ihr Ehemann noch einmal Macht über sie ausübt (Folge neun). Sie verweigert ihm die Befriedigung durch das Wissen, dass er sich für immer in sie eingeschrieben habe: „You will be forgotten“. Das Gespräch zwischen Edmure und Jaime hat – auch dank der schauspielerischen Leistung – eine großartige Dynamik, von der anfänglichen Ablehnung bis zur Kapitulation (Folge acht). Ich werde aber den Verdacht nicht los, dass sich Jaime in dieser Szene ein wenig selbst belogen hat (mehr dazu weiter unten).

Jaime
Jaime(c) HBO/HELEN SLOAN

Weniger gelungen:

1. (Un)Vorhersehbarkeit

Fällt genau genommen in die Kategorie: mittelmäßig gelungen. Es ist schwierig, die Zuseher zu überraschen, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Einen Plot Twist zu machen, ohne dass dieser forciert und willkürlich daherkommt. Beim Wildfire ist dies gelungen: Viele ahnten es schon, wenige dachten, dass Cersei es tatsächlich so durchzieht. Bei Jon Snow gelang es meiner Meinung nach weniger gut: Den meisten Zusehern war klar, dass er wieder aufstehen würde. Egal, wie oft Darsteller Kit Harington, seine Co-Stars und die Serienmacher betonten, dass er tot sei. Gut fand ich hingegen auch, dass The Hound Sandor Clegane nicht in die Hauptstadt reist, um dort seinen Bruder The Mountain/Zombie Gregor Clegane herauszufordern. Dieser „Cleganebowl“ wäre zu berechenbar gewesen.

2. „Plot Armor“

Arya läuft mit einem Bauchstich, nein, gleich mehreren herum. Trotz ihres Blutverlusts besiegt sie nicht nur die Waif, sie schafft es auch noch in das House of Black and White mit deren Gesicht. Das war doch ein bisschen unglaubwürdig. „Plot Armor“ nennt man es, wenn die Figuren zäher sind, als es die Logik erlaubt, weil sie für die Handlung wichtig sind. Passiert sonst selten in „Game of Thrones“, hoffen wir mal, dass es eine Ausnahme bleibt.

3. Dorne (schon wieder)

Vielleicht waren die Erwartungen anfangs zu hoch, denn als allererstes Mitglied des Herrscherhauses Martell haben wir Oberyn kennengelernt. Nicht nur ein großartiger Kämpfer und Schwerenöter, sondern von Pedro Pascal auch sensibel und melancholisch dargestellt. Im Vergleich dazu waren die Sand Snkaes aus Staffel fünf schlicht peinlich. Da habe ich es richtig genossen, dass Olenna Tyrell ihnen im Staffelfinale den Mund verbat. So vieles in Dorne erscheint mir weiterhin unlogisch. Warum töteten die Sand Snakes Doran Martell und seinen Sohn Trystane? Warum wurde Thronfolgerin Arianne gestrichen?

4. Die Zeit

Am Anfang des Finales stirbt Margaery, am Ende der Folge sitzt ihre Großmutter Olenna bereits in Dorne und schmiedet Rachepläne. In Staffel sechs verging die Zeit bei manchen Handlungssträngen sehr schnell, bei anderen sehr langsam. Das ist grundsätzlich kein Problem, sofern es für den Zuseher nachvollziehbar bleibt. Das war nicht immer der Fall. Bestes Beispiel: Varys, eben noch in Dorne, stand in der letzten Einstellung auf einem Schiff mit Daenerys, das sie nach Westeros bringen soll. Ein Fehler? Nein, nicht wenn man genauer hinsieht, denn dann entdeckt man Schiffe unter der Flagge von Dorne in der Flotte der Drachenkönigin. Auch George R.R. Martin hat mit der Zeit so seine Probleme, mehr noch als die Serienautoren. Denn zwischen dem ersten und den fünften Roman vergehen (so weit ich mich erinnern kann) maximal zwei Jahre, darum hatte er einmal einen Fünf-Jahres-Sprung geplant, doch daraus wurde nichts ...

5. Jaime

Nicht nur im Buch entfernte er sich (bisher) von seiner Schwester/Geliebten Cersei, auch in der Serie war es lange so – sie konnte ihn nicht schnell genug nach Riverrun schicken. Nachdem sie ihn nach Dorne geschickt hat. Und trotzdem liebt er sie über alles. Diese Rücknahme der Figurenentwicklung enttäuschte dann doch. Und so ganz kaufe ich diese Liebesschwüre weder Jaime noch Cersei ab.

6. Die Wölfe

Erst stirbt Summer, dann ist Shaggydog wirklich tot und von Ghost hat man schon viele Folgen nichts mehr gesehen. Diese Staffel war jene der Drachen, nicht jene der Wölfe. Dabei wage ich zu behaupten: Ohne Jons Talent zum „Warging“ (sich in ein Tier hineinzuversetzen), hätte seine Auferstehung nicht geklappt. Für Bran ist Summer in den Romanen extrem wichtig – in der Serie kommt das „Warging“ nur am Rande vor. Schade, denn diese Fähigkeit dürfte – das glaube ich zumindest – noch zentral werden im Grande Finale.

Extra:

Wer ist jetzt Jon Snows Vater?

Im Finale „The Winds of Winter“ wurde die seit Jahren kursierende Theorie, die gern mit „R & L = J“ abgekürzt wird, bestätigt: Nicht Ned Stark ist Jons Vater, sondern dessen Schwester Lyanna ist Jons Mutter. Wer ist nun sein Vater? Rhaegar Targaryen, Kronprinz und Daenerys älterer Bruder. Er starb bei Roberts Rebellion. Robert Baratheon erhob sich gegen den König, weil Rhaegar seine Verlobte Lyanna enführt hatte. Oder besser „enführt“. Denn Lyanna war, das wissen wir aus Neds Erinnerungen in den Romanen, wenig begeistert von der Verlobung mit dem Hallodri Robert. Warum musste Ned Jons Abstammung geheim halten? Erstens ist Jon als einziger überlebender Nachfahre des Thronerben erbberechtigt und zweitens hasste König Robert alle Targaryens zutiefst. „Promise me, Ned“, verlangt Lyanna am Sterbebett. Robert hat immerhin (Staffel eins) versucht, Daenerys vergiften zu lassen.

Könnte Lyanna zwar Jons Mutter sein, aber Rhaegar nicht sein Vater? Diesen Spekulationen setzte HBO mit dieser Infografik ein Ende:

(c) HBO

Wer starb in Staffel sechs?

  • Hodor (Kristian Nairn)
  • Doran Martell (Alexander Siddig)
  • Trystane Martell (Toby Sebastian)
  • Areo Hotah (Deobia Oparei)
  • Khal Moro (Joseph Naufahu) und all die anderen Khals
  • Smalljon Umber (Dean S. Jagger)
  • Ramsay Bolton (Iwan Rheon)
  • Roose Bolton (Michael McElhatton)
  • Walda Frey-Bolton (Elizabeth Webster)
  • Baby Bolton
  • Brother Ray, der Priester, der The Hound gerettet hat (Ian McShane)
  • Rickon Stark (Art Parkinson)
  • Königin Margaery Tyrell (Natalie Dormer)
  • König Tommen Baratheon (Dean-Charles Chapman)
  • Loras Tyrell (Finn Jones)
  • Mace Tyrell (Roger Ashton-Griffiths)
  • Lancel Lannister (Eugene Simon)
  • Kevan Lannister (Ian Gelder)
  • High Sparrow (Jonathan Pryce)
  • Grand-Maester Pycelle (Julian Glover)
  • Wun Weg Wun Dar Wun, kurz Wun Wun (Ian Whyte)
  • Walder Frey (David Bradley)
  • Lothar Frey (Daniel Tuite)
  • Black Walder Rivers (Tim Plester)
  • Summer
  • Shaggydog
  • Lady Crane (Essie Davis)
  • Lem Leomcloak (Jóhannes Haukur Jóhannesson)
  • The Waif (Faye Marsay)
  • Brynden „The Blackfish“ Tully (Clive Russell)
  • Three-Eyed Raven (Max von Sydow)
  • Leaf, ein Child of the Forest (Kae Alexander)
  • Olly (Brenock O'Connor)
  • Alliser Thorne (Owen Teale)
  • Balon Greyjoy (Patrick Malahide)
  • Razdal mo Eraz (George Georgiou)
  • Osha (Natalia Tena)

Hier geht's zum virtuellen Friedhof für die „Game of Thrones“-Protagonisten:
http://www.slate.com

Ergänzungen bitte posten - ich füge sie dann hinzu

 

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