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Perspektivenwechsel mit Dragqueen und Cyborg

Genderstudies. Der tragische Anschlag auf den Schwulenclub in Orlando zeigte zuletzt, wie sehr Geschlechterrollen, die von der Norm abweichen, provozieren. Klagenfurter Forscher erkunden dazu die Theorien und Hintergründe.

Seit Conchita Wursts internationalem Erfolg ist der Begriff Dragqueen auch in Österreich geläufig. Dass Conchita zur gesellschaftlichen Protagonistin wurde, ist nach Auffassung der Klagenfurter Philosophin Kirstin Mertlitsch der Wissenschaft zu verdanken. Das „wäre kaum denkbar, hätte nicht die Philosophin Judith Butler mithilfe der Gestalt der Drag bereits 20 Jahre zuvor im Bereich der wissenschaftlichen Theoriebildung ganz neue Perspektiven eröffnet“, sagt die Leiterin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien der Uni Klagenfurt. Sie interessiert, was junge Menschen an Genderstudies so sehr fasziniert, dass „sie ihren Zugang zur Welt und zu sich selbst oft tief greifend verändern“.

In theoretischen Texten der Genderstudies existieren Protagonistinnen wie die Sister, die Cyborg und die Drag. Mertlitsch untersuchte in ihrer Dissertation die Funktion dieser Figuren. Die „Begriffspersonen“, wie sie Mertlitsch nennt, existieren zwar teilweise auch ganz real im Alltag, stehen jedoch in Geschlechtertheorien für genderspezifische Konzepte und Begriffe.

Die Drag aus den Texten von Judith Butler und die Cyborg, eine Mischung zwischen Mensch und Maschine in den Schriften von Donna Haraway, zeigen die Uneindeutigkeit von Geschlechterbildern. Biologie wird in diesen theoretischen Ansätzen als Kulturtechnik verstanden, die anerkanntes Wissen darüber produziert, was in unserer Gesellschaft als „natürlich“ verstanden wird. Weitere von Mertlitsch untersuchte Begriffspersonen sind das „Nomadic Subject“ von Rosi Braidotti und die „New Mestiza“ von Gloria Anzaldúa, die im Kontext der feministischen beziehungsweise postkolonialen Forschung verortet sind.

„Während die Sisters der Frauenbewegungen vor allem als solidarische Figuren in Theorien in Erscheinung treten, die gegen patriarchale Strukturen ankämpfen, hinterfragen Dragqueens in Performanztheorien die Echtheit von Geschlecht“, erklärt Mertlitsch.

Drags zeigen, dass Geschlecht nicht angeboren ist, sondern durch soziale Praktiken und gesellschaftliche Normen erzeugt wird. Cyborgs, die Mischwesen aus Mensch und Roboter, stellen ein neues Menschenbild im Informationszeitalter dar. „Cyborgs sind wir alle, indem wir mit Technik zu tun haben und an die Elektronik angedockt sind“, so Mertlitsch.

Das Handeln dieser Figuren in Texten vermittelt Begriffe und Schlüsselkonzepte der Gendertheorien, erläutert Mertlitsch, ähnlich wie die Figur des Ödipus Sigmund Freud dazu gedient habe, Kernpunkte seiner psychoanalytischen Denkweise zu vermitteln, und Friedrich Nietzsche die Figur des Zarathustra dazu genutzt habe, seine Philosophie nachvollziehbar zu machen.


Identifikation und Emotion

„Für Rezipienten entsteht eine Identifikationsmöglichkeit, wenn sie in der Begriffsperson denken können“, sagt Mertlitsch. So ermöglichen Empathie und emotionale Verbundenheit einen Perspektivenwechsel, der sonst nur schwer oder gar nicht gelingen könnte.

Mertlitsch weist darauf hin, dass innerhalb der Genderstudies neue Gestalten entstehen können. Pussy Riot oder Femen zum Beispiel werden zu Begriffspersonen, sobald sie in einen theoretischen Kontext gestellt werden und dort Theorien und Begriffe vermitteln. Auf diese Weise können Begriffspersonen laut Mertlitsch das Denken selbst verändern.

LEXIKON

Genderstudies suchen nach Möglichkeiten, die Uneindeutigkeit von Geschlechtern wahrzunehmen und in gesellschaftliche Denkweisen zu integrieren – zumindest theoretisch.

Queer-Theorien sind Kulturtheorien, die normative heterosexuelle Geschlechterrollen kritisch hinterfragen. Sie mischen die feministische Theorie mithilfe von Dragqueens und Cyborgs auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2016)