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Auf dem Wasser gehen

Drei Kilometer lang, 16 Meter breit, auf dem Wasser schwimmend, bestehend aus Polyethylen-Hohlkörpern, bedeckt mit gelbem Nylonstoff: Christos „Floating Piers“ am oberitalienischen Lago d'Iseo. Rezeptionsversuch eines Kunstwerks.

Kann ein Kunstwerk unbeschadet ein Kunstwerk bleiben, wenn es in den 16 Tagen seiner physischen Existenz von 700.000 oder gar bis zu einer Million Besuchern und Besucherinnen geradezu überrannt wird? Über die „Floating Piers“, die jüngste Land-Art-Installation von Christo, die er einst mit seiner 2009 verstorbenen Partnerin Jeanne-Claude konzipierte, wurde in den letzten Wochen viel berichtet. Was die beiden ursprünglich für den Rio de la Plata erdacht und später für eine Bucht in Tokyo adaptiert hatten, wurde nun von Christo auf dem lombardischen Iseosee Wirklichkeit: ein drei Kilometer langer und 16 Meter breiter, auf dem Wasser schwimmender Steg aus Polyethylen-Hohlkörpern, lose bedeckt mit einem kräftig gelben Nylongewebe.

In drei Teilen verbindet er den Ort Sulzano auf dem Festland mit Peschiera Maraglio auf der Insel Monte Isola, sticht dann von der ebenfalls mit Stoff bedeckten Uferpromenade hin zur winzigen Privatinsel San Paolo, die mit den schwimmenden Pontons eingefasst wurde, um nach präziser Richtungsänderung zurück zur kleinen Ansiedlung Sensole ans Ufer der Insel mit dem höchsten Berg Europas in einem Süßwassersee zu führen. Die Linienführung der Stege, die Christo in höchster Präzision festgelegt hat, zeigt sich selbst auf Satellitenbildern eindrucksvoll. Dieser Anblick ist jedoch nicht des Künstlers Ziel.

Bei all ihren Arbeiten – ob beim Valley Curtain, dem Running Fence, dem verhüllten Berliner Reichstag oder den Gates im New Yorker Central Park – hatten Christo und Jeanne-Claude stets im Sinn, etwas zu schaffen, das die Betrachter berührt und ihnen Freude macht. Menschen aller Couleurs, auch solche, in deren Leben Kunst bis dahin keine Bedeutung hatte, werden als integraler Teil jedes Projekts gesehen – egal, ob sie beteiligt sind am Entstehen eines Projekts, oder Besucher, die das Werk in der kurzen Zeitspanne seiner Präsenz vor Ort erleben wollen. Das unterscheidet Christo von James Turrell, der seine große Vision vom Licht, das Räume magisch verändert, an abgelegenen Orten realisiert und dem Publikum nicht zugänglich macht.

Formvollendete Ästhetik, die alle technisch höchst aufwendig und perfekt realisierten Installationen von Christo kennzeichnet, ist ein Ergebnis dieser lebenslangen Arbeit, ist jedoch, folgt man seinen eigenen Erklärungen, weder Ausgangspunkt noch Ziel seiner Projekte. Hinter dem sinnesfreudigen Erlebnis, das Christo den Besuchern wünscht, steckt ein stringent durchdachtes Konzept. Es geht wohl darum, Orte, Landschaften und das Gewohnte, das uns umgibt, bewusster wahrzunehmen durch eine Irritation des täglich Erlebbaren. Das schafft jener Künstler am unmittelbarsten, der aus der privaten Abgeschiedenheit des Ateliers heraustritt, sich nicht begnügen will mit der Rezeption seines Werks durch eine Minderzahl an Besuchern von Ausstellungen und Museen, und der daher im öffentlichen Raum arbeitet und sein Werk allen zugänglich macht.

Wenn Christo am Iseosee schwimmende Stege von A nach B und nach C legt, so ist dies ein artifizieller Akt, der die natürlichen Orte und ihr Verhältnis zueinander hervorhebt. Die Beziehung vom Festland zur großen und zur kleinen Insel als auch ihre Distanz zueinander werden physisch unmittelbar spürbar im Schwanken der Pontons. Ihr sanftes Schaukeln auf den Wellen bei Wind und durch vorbeifahrende Boote bewirkt, dass man jeden Schritt bewusster setzt. Man geht auf dem Wasser.

Die sinnliche Wahrnehmung macht Erklärungen durch Kunsttheoretiker entbehrlich, wenngleich es natürlich erhellend ist, Zusammenhänge zwischen Christos Anfängen als Künstler des Verhüllens in den 1960er-Jahren und seiner Herkunft herzustellen. Gut möglich, dass er, als Bulgare aus einem Land kommend, in dem in der sozialistischen Nachkriegsära keine andere Dimension der Kunst als die Abbildung des Realen erlaubt war, die Wirklichkeit durch Verhüllen verfremden und zugleich bewusster machen wollte. Vermutlich rührt auch sein Streben nach Unabhängigkeit und autonomer künstlerischer Entscheidung daher und führte den Künstler zum Grundsatz, jedes seiner von langer Hand vorbereiteten und aufwendig umgesetzten Projekte ausschließlich durch den Verkauf seiner Zeichnungen und Collagen zu finanzieren.

Die „Floating Piers“ haben Christo 15 Millionen Euro gekostet. Kritiker meinen dennoch, es sei unseriös, so viel Geld und Energie in ein Projekt fließen zu lassen, das nur 16 Tage als vollendetes Werk besteht. Dass Installationen wie diese zeitlich limitiert sein müssen, um ihre Wirkung zu entfalten, ist klar. Wären sie immer da, so nützte sich der Aspekt der außergewöhnlichen Perspektive und der Irritation des Gewohnten und Normalen ab. Wer nur in ökonomischen Kategorien denkt, wird dieser Begründung für das Vergängliche nicht folgen können. Sucht man jedoch nach Erklärungen für die unfassbar große Anziehungskraft, die die „Floating Piers“ auf Menschen aus allen Teilen der Welt in diesen Tagen ausüben, so kann man sie vielleicht gerade darin finden: im scheinbaren Ungleichgewicht zwischen ökonomischem Aufwand und ökonomischem Effekt. Die wirtschaftliche Gegenüberstellung von Einsatz und Gewinn ist hierbei nicht anwendbar.

In der Warteschlange an der Schiffsanlegestelle in Iseo und auf dem Mäuerchen am Uferweg der Insel sitzend, von dem aus ich zwei Stunden lang die dicht gedrängt vorbeiziehenden Menschen beobachtete, festigte sich meine Vermutung, dass für Alt und Jung auch dies Reiz und Anziehung ausmacht: Christo hat etwas Außergewöhnliches, in jeder Hinsicht Großes geschaffen, das er ohne jegliches kommerzielles Interesse allen zugänglich macht. Ich hörte keine Beschwerden, kein Raunzen, las in den Gesichtern nur fröhliche Erwartung und Freude darüber, dies erleben zu dürfen: das Gehen über das Wasser auf leicht schwankendem Boden, das immer wieder andersfarbige Schimmern des dahliengelben Stoffs, der die Piers und Uferwege verschwenderisch im unregelmäßigen Faltenwurf bedeckt und nachdunkelt, wo das Wasser die abgesenkten Randzonen der Stege umspült (was auf der Schwarz-Weiß-Abbildung hier leider nicht einmal zu erahnen ist). Die „Floating Piers“ sind auf der „Architektur & Design“-Seite dennoch richtig platziert, denn es gilt in der Architektur wie in der Kunst: Das Außergewöhnliche schärft unsere Wahrnehmung der Welt. Es stillt zudem das Bedürfnis, als Individuum Teil von etwas Besonderem zu werden.

Selbst wenn es schön wäre, noch einmal im milden Licht eines Nachmittags im Spätherbst auf den „Floating Piers“ lustwandeln zu können, dann auch vielleicht mit weniger Gleichgesinnten und der Chance zu innerer Einkehr: Es ist nach dem 3. Juli schlicht nicht mehr möglich. Dem flüchtigen Augenblick muss man die nachhaltige Impression und Erinnerung an das Außergewöhnliche, das außergewöhnlich Schöne entgegensetzen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2016)