Berliner Zeitung: „Die Krise wird gerne genutzt“

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Verleger DuMont will ganze Seiten der „Frankfurter Rundschau“ 1:1 in die „Berliner Zeitung“ übernehmen. Und umgekehrt. Die Redaktion schäumt.

Vom Regen in die Traufe? So will es Renate Gensch, Betriebsratsvorsitzende im Berliner Verlag („Berliner Zeitung“), im Gespräch mit der „Presse“ nicht formulieren. Man sei ja „eigentlich sehr froh, dass wir wieder einem Verleger mit Historie gehören“. Die Kölner Mediengruppe DuMont Schauberg hat Anfang 2009 die deutschen Beteiligungen des britischen Investors David Montgomery übernommen, der diese in einem Notverkauf um 152Millionen Euro verkaufte. Zu DuMont Schauberg gehörten bereits „Frankfurter Rundschau“ („FR“) und „Kölner Stadt-Anzeiger“, von Montgomery kamen „Berliner Zeitung“, „Hamburger Morgenpost“ dazu. Schon damals kursierten Gerüchte, die „FR“ könnte künftig in Berlin gemacht werden, oder umgekehrt, die „Berliner Zeitung“ in Frankfurt – der Verlag wies das laut „Handelsblatt“ als „substanzlose Spekulationen“ zurück.

Schreiberpools für alle Zeitungen

Jetzt ist es doch so – zumindest teilweise. Wie Konstantin Neven DuMont in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ bestätigt, soll künftig die Wissenschaftsredaktion in Frankfurt beide Blätter beliefern, Gleiches gilt für die Medienredaktion in Berlin. Laut Gensch sollen die Inhalte der Seiten praktisch 1:1 übernommen werden – über die technische und optische Umsetzung (die „FR“ erscheint im Tabloid-Format, die „Berliner Zeitung“ aber nicht) werde nachgedacht. Für andere Bereiche soll es zusätzlich zu den Ressorts der einzelnen Zeitungen sogenannte Schreiberpools geben – einen für Politik in Berlin, einen für Wirtschaft in Frankfurt –, in denen sich die Chefredakteure der Blätter bedienen können. Auch Feuilleton oder Sport könnten derart verschränkt werden, ließ DuMont wissen.

Die Redaktion schäumt. „Wir sind enttäuscht und finden das nicht besonders lustig“, so Gensch. „Es geht uns um die Eigenständigkeit der Zeitung. Um die Meinungsvielfalt. Um mehr Qualität. Wir hatten lange Zeit wenig oder fast keine Investitionen und wollten eigentlich, dass mehr in Personal und Technik investiert wird. Diese Hoffnungen sind nun dahin.“ In einem offenen Brief an Neven DuMont warnt die Redaktion davor, dass die Umsetzung der Pläne „die Redaktion im Kern treffen“, „die Substanz der führenden Hauptstadtzeitung gefährden und die Marke Berliner Zeitung mit ihrer engen Leser-Blatt-Bindung beschädigen“ könnte. Außerdem widerspreche das Geplante dem Redaktionsstatut, laut dem die „Berliner Zeitung“ eine „Autorenzeitung mit Vollredaktion“ ist. Aus Protest will die Redaktion der „Berliner Zeitung“ nun die sogenannte Syndication aussetzen – den bereits bestehenden Austausch von Texten, Grafiken und Artikeln zwischen den Abo-Zeitungen des Verlags.

„War alles lange schon geplant“

„Wir sind die erste Zeitung am Platz in Berlin, und wir haben die Befürchtung, dass man an uns ein Exempel statuiert“, meint Gensch. „Wir können nicht zusehen, wie ohne Not bewährte Strukturen dieser Zeitung preisgegeben werden“, heißt es in dem offenen Brief. Ähnliche Pläne habe schon Montgomery gewälzt, berichtet die Betriebsrätin. „Die wollen natürlich Geld sparen, wie alle Verlage derzeit. Die Anzeigenerlöse sind ja nicht berauschend – aber es ist auch klar, dass das alles lange schon geplant war.“ Auch bei Gruner+Jahr (zu dem der Berliner Verlag bis 2002 gehörte) habe es die Fusionspläne für „Capital“, „Impulse“, „Börse Online“ und „Financial Times Deutschland“ bereits 2001 gegeben. Aber erst 2009 ging man daran, 60 Stellen zu streichen und eine Zentralredaktion zu gründen, die alle drei Magazine und die „FTD“ beliefert. Gensch: „Die Krise wird eben gerne genutzt, um solche Umstrukturierungen umzusetzen.“

AUF EINEN BLICK

2009 übernahm DuMont Schauberg den Berliner Verlag von David Montgomery. Im März übernahm der Heinen-Verlag 35% an den Titeln. Zu DuMont gehören nun: „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“, „Frankfurter Rundschau“, „Kölner Stadtanzeiger“, „Mitteldeutsche Zeitung“, „Hamburger Morgenpost“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2009)

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