Miguel Herz-Kestranek: „Ich bin eigentlich fürs Theater verdorben“

FESTSPIELE REICHENAU
Miguel Herz-Kestranek spielt den Nebel in Nestroys "Liebesgeschichten und Heiratssachen" bei den Festspielen Reichenau. Im Bild: Kestranek in Ibsens 'Ein Volksfeind', 2010 in ReichenauAPA/ROBERT JAEGER

Miguel Herz-Kestranek spielt in Reichenau in „Liebesgeschichten und Heiratssachen“. Im Gespräch schwärmt er von Nestroys Sprache, ärgert sich über Theater, das belehren will, und erklärt, warum Schauspieler keine Künstler sind.

Sie haben schon so viele unterschiedliche Rollen gespielt: Undurchsichtige Typen und einen "Tatort"-Kommissar, schmeichelhafte Charmeure und harte Kerle. Was fällt Ihnen leichter, das Ernste oder das Lustige, die Guten oder die Bösen?

Ich stelle mir die Frage nicht. Ich habe eine Aufgabe, und die habe ich zu erfüllen. Ich sehe den Beruf des Schauspielers als Menschendarsteller. Das ist sehr altmodisch und heute eigentlich ein No-Go: Heute muss man ein Typ sein. Ich finde, das Größte ist, wenn einer viel kann – wie zum Beispiel der Lohner, der meiner Meinung nach fast alles konnte. Ich habe mich auch verändert. Ich spiele heute Rollen, die ich vor 20 Jahren gar nicht gekonnt hätte – von der Kraft her, vom Können her, vom Mut her. Ich bin ein Spätzünder. So richtig zünde ich erst seit gar nicht so langer Zeit. Bis dahin war ich recht gut, aber nie zufrieden. Vor zwei Jahren habe ich meinen ersten Nestroy gespielt. Ich habe immer davon geträumt, aber jeder, dem ich das erzählt habe, hat gesagt: Um Gottes Willen, du? Jeder, nur du nicht! Ich habe darauf bestanden, und dann war das einer der größten Erfolge überhaupt. Nestroy ist ja fast wie ein Musical. Die Sprache von Nestroy ist so musikalisch, es sind immer Couplets dabei. Seitdem ich Musicals gesungen habe, bin ich als musikalischer Mensch fürs Theater eigentlich fast verdorben. Nestroy geht gerade noch.

Man kennt Sie vor allem aus deutschen Fernsehfilmen. Ist Nestroy zu spielen dann wie sprachliches Heimkommen?

Ja, natürlich. Für das deutsche Fernsehen spreche ich eigentlich eine Fremdsprache. Das ist für einen österreichischen Schauspieler eine große Bürde, diesen deutschen Umgangsslang zu sprechen. Und wenn man den nicht spricht, wird man nicht genommen. Der deutsche Kollege wiederum versucht hier überhaupt nicht, seine Färbung zu verbergen, weil es in Österreich nicht verlangt wird. Die österreichische Sprache stirbt ja aus. Nestroys Sprache hat viel Österreichisches drin, und ist wunderschön musikalisch und gescheit. Er jongliert mit der Sprache, das macht ihn so herrlich zu spielen und zuzusehen. Und so schwer zu lernen. Sich diese Wendungen und Schachtelsätze zu merken, ist schwerer als Konversation.

Weil Sie sich als Menschendarsteller bezeichnen: Was für eine Art Mensch ist denn der Nebel, den Sie in „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ spielen?

Der Nebel ist ein Schlawiner. Er will Geld und ein schönes Leben, und auf dem Weg dorthin entlarvt er nebenbei die Menschen. Und sich selbst auch.

Haben Sie Sympathie für ihn?

Das frag ich mich gar nicht. Das ist mir wurscht. Ich mache einen Job, ich setze mich nicht hin, um zu überlegen. Ich trage das mit mir herum, und irgendwo hinten köchelt und brodelt es derweil. Aber ich bin keiner, der sich psychologisch mit der Rolle beschäftigt. Eine Rolle kann man nie herbeireden. Man kann sie nur herbeiproben. Darum halte ich von den ganzen Diskussionen bei Proben gar nix. Die bildungsbürgerliche Aufgabe des Theaters ist ja längst obsolet. Theater hat überhaupt keine Aufgabe – allenfalls zu unterhalten. Wenn Theater belehren will, dann ist das eine Ausrede, weil man nicht zugeben will, dass das Theater nichts kann. Und Schauspieler wollen nicht zugeben, dass es eigentlich ein ziemlicher unwichtiger und unsinniger Beruf ist, und darum psychologisieren sie fünf Stunden herum.

Ähnliches sagen Sie auch über das Fernsehen. "Am Tag drehe ich fürs Fernsehen, am Abend bin ich intelligent", werden Sie gerne zitiert. Ist man als Schauspieler eine Unterhaltungshure?

Ja, vornehmlich, wenn Sie mich so fragen. Das Schrecklichste an der Schauspielerei ist für mich, dass alles, was man macht, bis zum letzten Zehntausendstel Millimeter von jemand anderem abgesegnet wird.

Man führt aus?

Natürlich bringt man etwas ein, aber wenn einer – der Intendant, der Regisseur, der Kostümbildner, der Beleuchter – Nein sagt, dann ist das ein Nein. Das ist grauenhaft. Darum ist der Schauspieler auch kein Künstler. Der Schauspieler ist im besten Fall ein Könner. Er muss es können, das Gegenteil von dem zu machen, von dem er zutiefst überzeugt ist. Das muss er so überzeugend machen, dass alle jubeln. Darum sind die meisten Schauspieler auch seelisch und körperlich ziemlich bedient. Darum wird auch so viel getrunken in dem Beruf.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen wollen?

Ich habe mein Leben lang eine Traumrolle gehabt, für die bin ich jetzt zu alt: Das ist der Jedermann. Das hätte ich gerne gemacht. Den Tod könnte ich vielleicht noch spielen. Was mich auch noch reizen würde, ist Thomas Bernhard.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen?

Ich habe nicht das Glück, mir Rollen aussuchen zu können.

Nehmen Sie alles an?

Es wird mir so wenig angeboten, dass ich annehme, um zu überleben.

Von einem Schauspieler erwartet man gerne, dass er für die Sache brennt.

Das ist etwas ganz Dummes. Warum sollte ich sonst arbeiten? Ich arbeite nur dann nicht fürs Geld, wenn ich es nicht mehr brauche.

Sie betreiben die wahrscheinlich weltweit größte deutschsprachige Webseite für Schüttelreime. Fällt Ihnen spontan einer ein?

Zum Thema? Lassen Sie mich mal überlegen. Der Intendant in Rage geht, wenn man von der Gage red't. Oder, einer meiner Lieblingsschüttler: Er opferte die Sängerlaufbahn zugunsten einer Längersaufbahn.

Zur Person

Miguel Herz-Kestranek, 1948 in St. Gallen geboren, ist ein österreichischer Schauspieler und Autor. Neben einigen Bühnenrollen spielte er in über 180 Film- und Fernsehproduktionen mit - in den 80er Jahren etwa als "Tatort"-Ermittler Franz Ullmann. Er ist Autor und Herausgeber von 13 Büchern und war Vizepräsident des Österreichischen PEN-Club. Als Sohn einer Industriellen- und Künstlerfamilie aus dem ehemaligen Wiener jüdischen Großbürgertum befasst er sich mit Exilforschung, zudem betreibt er die Webseite schuettelreime.at.