Russland fasst die Staatsanteile im Autosektor in einer Holding zusammen. Die Bündelung betrifft auch westliche Konzerne. Über die Sinnhaftigkeit einer neuen Riesenholding sind die Meinungen geteilt.
Moskau. Die russischen Fahrzeugproduzenten rücken durch die Krise zusammen. Konkret will der Staat seine Aktiva auf dem Sektor unter dem Dach einer Holding bündeln, gab der staatliche Fonds „Rostechnologii“ diese Woche bekannt. Betroffen sind 25 Prozent am größten russischen Autobauer „Avtovaz“, 37,8 Prozent am führenden Nutzfahrzeugproduzenten „Kamaz“ sowie der Motorenfabrikant Avtodizel.
Die Bündelung betrifft auch westliche Konzerne: Renault hält 25 Prozent an Avtovaz, der deutsche Konzern Daimler hat Ende 2008 für 190 Mio. Euro zehn Prozent an Kamaz erworben. Die Stuttgarter sehen ihre Zusammenarbeit mit Kamaz durch die Fusion des russischen Partners nicht in Gefahr. „Wir treiben die Beteiligung weiter voran und forcieren den Aufbau eines Joint Venture zum Bau leichter Nutzfahrzeuge in Russland“, sagte eine Daimler-Sprecherin am Montag. Die Idee einer Holding ist nicht ganz neu. Ein Grund für ihre Wiederbelebung dürfte der erhoffte Abgang des oft widerspenstigen Avtovaz-Managements sein, vermutet die Zeitung „Kommersant“. Mit Erfolg: Dienstagabend gab Avtovaz-Chef Boris Aleschin seinen Rücktritt bekannt.
Besser unter westlicher Führung
Über die Sinnhaftigkeit einer neuen Riesenholding sind die Meinungen geteilt. Die größere Struktur, die sich in vier Subholdings (leichte Fahrzeuge, Lastwagen, Autoteile, Motoren) aufsplitten soll, würde Darlehen und Zukäufe verbilligen, heißt es einerseits. Andererseits würde das gemeinsame Management der beiden größten russischen Autofabriken zusätzliche Probleme schaffen. Ein Zusammengehen unter ein Dach mache wenig Sinn, meint Michail Pak, Analyst der Investitionsgesellschaft „Metropol“: Synergien seien nicht zu erwarten, eine zusätzliche Managementstruktur verlangsame die Entscheidungsprozesse weiter, auch sei nicht klar, wie die ausländischen Anteilseigner in die verschiedenen Abläufe künftig eingebunden würden. Besser für Avtovaz wäre ohnehin, wenn Renault-Manager die strategische Führung übernähmen, meint Michail Ljamin, Analyst der Bank of Moscow.
Avtovaz gilt als Sorgenkind der russischen Autoindustrie. Der Autobauer, der in der Wolgastadt Togliatti ein Siebtel der 705.000 Einwohner beschäftigt, wird seit 15 Jahren vom Staat subventioniert. Experten sehen daher die Wirtschaftskrise als letzte Chance, die Produktionskosten für bestehende Modelle radikal zu verringern und neue Modelle zu entwickeln. Fürs Erste aber hat die Firma heuer staatliche Kredithilfen über 550 Mio. Euro erhalten.
Avtovaz muss beim Verkauf seiner Lada-Modelle in den ersten sieben Monaten 2009 dennoch einen Einbruch von 44 Prozent verkraften. Die Krise hat den gesamten russischen Automarkt, 2008 noch der zweitgrößte Europas, in ein tiefes Tal gestürzt. Der Autoabsatz ging in den ersten sieben Monaten 2009 laut Association of European Businesses um gut 50 Prozent auf 879.144 Fahrzeuge zurück. Auch der Lkw-Hersteller Kamaz braucht Milliarden für einen technologischen Sprung, profitiert vorerst aber auch von staatlicher Krisenintervention. Zu Jahresbeginn wurden die Schutzzölle für Lkw auf 25 Prozent angehoben. Dazu kamen 30 Mrd. Rubel für Staatsaufträge, von denen sich Kamaz einen beträchtlichen Teil sichern konnte. Bei den Lkw zwischen 14 und 40 Tonnen wurde der Marktanteil im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr auf 58,5 Prozent verdoppelt. Auf Kosten der ausländischen Konkurrenten, deren Marktanteil von 51,3 Prozent auf 21,1 Prozent zurückging. nicht zuletzt dank der Rubel-Abwertung, die Russlands billigere Technik wieder interessant macht.
auf einen blick
■Russland fasst die staatlichen Aktiva in der Autobranche in einer gemeinsamen Holding zusammen.
■ Experten zweifeln am Konzept des Kreml. Besser wäre es, die russischen Firmen unter westliche Führung zu stellen, meinen sie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2009)