Formel 1: Der Teamkollege ist dein größter Feind

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Der nächste Crash der Silberpfeile in der letzten Rennrunde des GP von Spielberg spaltet die PS-Szene. Lewis Hamilton gewann, Nico Rosberg wurde Vierter - der Wettlauf um Erklärungen von Niki Lauda und Toto Wolff irritiert.

Spielberg/Wien. Der Teamkollege ist dein größter Feind – das ist einer der Leitsprüche in der Formel 1. Ob Senna, Prost, Piquet, Mansell, Vettel, Webber oder nun Hamilton und Rosberg – die Alphatiere mit den gleichen Voraussetzungen bzw. Autos prallen aufeinander, Kollisionen sind unvermeidbar. Mercedes erlebte solche Berührungen in dieser Saison bereits in Barcelona und Montreal; suchte Gespräche und friedliche Lösungen, bekam aber beim GP von Spielberg nun die Rechnung für das bloße Zuschauen präsentiert.

Lewis Hamilton und Nico Rosberg kollidierten spektakulär in der letzten Runde, der bis dahin führende Deutsche verlor an Terrain und wurde nur Vierter, während der Brite zum ersten Sieg in Spielberg fuhr. Dann folgten Schuldzuweisungen und plumpe Ausreden. Gerhard Berger, als TV-Experte vor Ort, analysierte es treffend: „Aus der Sicht von Hamilton hätte ich es genauso gemacht, aus der Sicht von Rosberg ebenso – nur hätte ich meinen WM-Gegner mit ins Aus genommen! Das Team hätte vorab klären sollen, die Positionen zu halten. Es geht um die WM...“

Während Hamilton bei der Siegerehrung ausgepfiffen wurde, versuchten Niki Lauda und Toto Wolff das Silberpfeil-Desaster mit Bremsproblemen zu erklären. Lauda sah Rosberg („Ich war innen und kann deshalb diktieren“) in der Schuld, Wolff hingegen beide. „Warum sie sich reinfahren? Sie haben Mercedes geschadet.“

Ziehen die Teamchefs nun keinen Schlussstrich, ist der nächste Crash geradezu programmiert. Hamilton („Nico hat den Fehler gemacht, hat mir nicht viel Platz gelassen!“) ist mit seinem 46. GP-Sieg – vor Red-Bull-Pilot Max Verstappen (NED) und dem Finnen Kimi Räikkönen (Ferrari) – weiterhin WM-Zweiter, ihn trennen jetzt aber nur noch elf Punkte von Rosberg (153). Und Hamilton wird nicht lockerlassen – er will den dritten Titel in Serie gewinnen.

Nur, wie will man einem Doppelweltmeister Einhalt gebieten im Kampf gegen einen zusehends unter Druck geratenden, Fehler machenden Teamkollegen? Wenn er schnell ist, nichts falsch macht – sondern nur seinen Beruf ausübt als Rennfahrer, dem Emotionen bei 300 km/h vollkommen fremd sind? Das als „extrem schwierig“ eingestufte Verhältnis der ehemaligen Teenager-Freunde wurde damit weiter belastet.

Die FIA sah Rosberg als Schuldigen und verhängte eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe, zwei Strafpunkte sowie eine Verwarnung, weil er mit seinem beschädigten Boliden weitergefahren ist – das Ergebnis blieb jedoch unverändert. Bei Mercedes wird noch über die Klärung der neuen Rangordnung diskutiert. „Unpopuläre Entscheidungen“, nannte es Wolff. Ohne Stallorder gibt es keinen Frieden in diesem Krieg der Sterne.

 

Weiterhin eine Goldgrube

Wenn Bernie Ecclestones Limousine durch den Paddock-Bereich gleitet und vor dem Motorhome anhält, herrscht andächtige Stille. Mit einer Bewunderung, die in dieser Form sonst nur Rockstars wie den Rolling Stones widerfährt ,wenn sie aus dem Auto steigen und an Fans vorbei ins Hotel huschen, verfolgen Reporter, TV-Teams und Teamchefs dann dieses Geschehen. Man wartet auf Wortspenden, Ecclestone, 85, hat es aber zumeist eilig. Mit einem Satz ließ er jedoch – vor dem Start des Spielberg-GP – aufhorchen: „Wer Weltmeister wird? Ich denke, Lewis wird den Titel holen!“

In der Steiermark hatte er auch Geschäftstermine, über deren Inhalt nichts publik werden sollte, aber dennoch wurde. Um den Fortbestand seiner Rennserie über die nächsten Jahre hinaus zu gewährleisten, muss eine Neuverteilung der TV- und Marketing-Einnahmen unter den Teams gefunden werden. Die kleinen Teams brauchen mehr Geld.

Ferrari, Red Bull, Williams, McLaren und Mercedes haben sich bis 2020 Bonuszahlungen zusichern lassen. Erfolgsprämien sind Ecclestone zuwider, wenngleich sie ihm garantieren, dass diese Teams bis 2020 in seiner Liga mitfahren. Um wie viel Geld es sich handelt, ist bekannt, seit Force India und Sauber Beschwerde auf EU-Ebene eingelegt haben. Ferrari erhält 2016 etwa 192 Millionen Dollar aus „Ecclestones Schatzkiste“, das sind 17 Prozent mehr als 2015 und 21 Millionen Euro mehr als der aktuelle WM-Leader Mercedes (171 Mio. Dollar) bekommt. Schlusslichter wie Manor bekommen 50 Millionen Dollar – und zetteln intern weiter eine Rebellion an.

Die Folgen gegen den Widerstand der Finanzpolitik von Ecclestones Formula One Management (FOM): mehr Rennen außerhalb der EU – und nun ein erstes Einlenken. Er will kleinen Teams zehn Millionen Dollar pro Jahr mehr geben, bezahlt es aber nicht selbst, sondern streicht den Leadern ungeachtet ihrer Performance die Boni. Nur, ob die Großen mitspielen? Die Rechnung ist knapp kalkuliert – Ferrari gab 2013 351 Mio. Dollar für die Formel 1 aus, und nahm 358 Mio. Dollar ein. Aber was verdienen Ecclestone, die F1-Besitzer CVC? Die Zahlen belegen, dass die Königsklasse weiterhin eine Goldgrube mit TV- und Marketingrechten ist. Zuschauerschwund in Österreich hin, Mager-Sound her: FOM schüttet 2016 voraussichtlich 965 Millionen Dollar an alle Teams aus. 65 Prozent der Gesamteinnahmen...

SPIELBERG-GP

1. Lewis Hamilton ( GBR) Mercedes 1:27:38,107
2. Max Verstappen (NED) Red Bull 5,719 Sek.
3. Kimi Räikkönen (FIN) Ferrari 6,024 Sek.

Weiters, 4. Rosberg (GER) Mercedes 16,710 5. Ricciardo (AUS) Red Bull 30,981 6. Button (GBR) McLaren 37,706 7. Grosjean (FRA) Haas 44,668 8. Sainz jr. (ESP) Toro Rosso 47,400 9. Bottas (FIN) Williams 10. Wehrlein (GER) Manor 1 Runde.

Fahrer-WM: 1. Rosberg 153 2. Hamilton 142.

Konstrukteurs-WM: 1. Mercedes 295 2. Ferrari 192 3. Red Bull 168 4. Williams 92 5. Force India 59.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2016)