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Festspiele Reichenau: „Liebelei“, teils rührend, teils laut

Regina Fritsch fasste Schnitzlers frühes Schauspiel etwas grob an, begeistert aber in einer Nebenrolle. Ihre Tochter Alina Fritsch ist als Christine wunderbar.

„Du hast noch keinen lieb gehabt?“, fragt Fritz. „Ich werd' auch nie wen andern lieb haben“, antwortet Christine. Das Liebhaben klingt harmlos und nett. Aber in Schnitzlers „Liebelei“, seit Samstag bei den Festspielen in Reichenau zu sehen, geht es nicht ums Liebhaben, sondern um die große, die einzig wahre Liebe. Die Rezeption dieses Stücks, das dem 33-jährigen Arzt Arthur Schnitzler den Durchbruch als Dramatiker bescherte, hat sich verändert.

Ein armes Mädel auf der Burgtheater-Bühne, wo das Werk 1895 uraufgeführt wurde, das war nicht gern gesehen. Adele Sandrock, mit der Schnitzler eine stürmische Liebesbeziehung unterhielt, setzte sich für die heikle Geschichte von der Kleinbürgerin und dem Sohn eines Großgrundbesitzers ein – und übernahm die Rolle der Christine. Die Love Story zwischen Fritz und Christine bzw. das „schlamperte Verhältnis“ von Fritz' Freund „Dori“ mit der reschen Schlager Mizi rührten an Tabus und die Doppelmoral der Zeit: Herren durften süße Mädel haben, erwischten sie aber ihre Ehefrau mit einem Liebhaber, wurde dieser zum Duell gefordert, oft mit tödlichem Ausgang für einen der beiden Männer. Kurios: 1917, mitten im I. Weltkrieg, verbot Kaiser Karl das Duell.

Heute ist die viel gespielte „Liebelei“, zuletzt 2014 (mit Florian Teichtmeister als Fritz) im Theater in der Josefstadt zu sehen, vor allem eine Geschichte von der ersten Liebe und den anderen danach. So sieht sie auch Regisseurin Regina Fritsch in Reichenau – und sie hat mit ihrer Tochter Alina als Christine eine Persönlichkeit zur Verfügung, die diese junge Frau von A bis Z und von Kopf bis Fuß ausfüllt. Die blonde Alina mit ihren großen Augen und dem blauen Kostüm vermittelt Unschuld und Sentiment. Sie hebt die Christine in den Rang einer klassischen Heldin à la Julia, Gretchen oder Luise Miller, ihre Katastrophe rührt zu Tränen.

Heute, da „Coolness“ die Menschen vor Absolutheitsansprüchen bewahren und über die Abgründe unberechenbarer Gefühle hinwegretten soll, ist diese Christine etwas ganz Besonderes. Regina Fritsch selbst spielt die Frau Binder, die Strumpfwirkersgattin mit frivoler Vergangenheit, eine kleine, aber dankbare Rolle, in der Fritsch spielerisch facettenreich und sprachlich virtuos die unglaublichsten Register zieht, von breitem, allzu breitem Wiener Dialekt zur pathetischen Ermahnung, Christine möge durch ihren „Flirt“ nicht ihren Ruf aufs Spiel setzen.

Als Regisseurin ist Fritsch weniger glückhaft unterwegs. Der erste Akt ist viel zu laut, Männer und Frauen kugeln auf dem Boden herum, die Männer küssen einander oder rennen wie Affen oder Löwen hinter den Damen her, Mizi betrinkt sich, jeder zweite Satz ist ein Schrei. Das Erscheinen des Ehemannes, der Fritz zum Duell fordert (großartig, eiskalt und minimalistisch: Sascha Oskar Weis) beendet das peinliche Tohuwabohu.

 

Wolfgang Hübsch bezaubert als Papa

Es ist sehr bedauerlich, dass diese erste Szene, ein Kleinod an Konversation, das die enormen Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Wahrnehmung offenlegt, ein Bonmot-Feuerwerk („Die Weiber haben nicht interessant zu sein, sondern angenehm“) in schlechtem Regietheater untergeht. Slapstick wäre hier durchaus möglich, aber nicht ein derart unbeholfener.

Dominik Raneburger als Fritz und Florian Graf als Theodor („Dori“) sind zwei charmante und attraktive, aber auch etwas zu oberflächliche Galane. Maria Schuchters Schlager Mizi wirkt zu ordinär, hat aber später berührende Momente, wenn sie Christine zu trösten versucht. Bezaubernd ist Wolfgang Hübsch als Christines Vater mit vorteilhafter schneeweißer Pagenfrisur. Der Theatermusiker Weiring ist das Gegenteil des patriarchalischen Despoten, den wir aus vielen Stücken der Theaterliteratur kennen, ein Mensch, der sein Kind so klug wie leidenschaftlich auf den richtigen Weg zu lenken versucht. Im Gespräch zwischen Vater und Tochter prallen freilich Welten aufeinander. Die Festspiele gehen weiter mit Doderers „Dämonen“ sowie „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ von Nestroy. Das Programm für das nächste Jahr ist bereits ausgehängt: Beverly Blankenship inszeniert Schnitzlers „Im Spiel der Sommerlüfte“, Michael Gampe „Zur schönen Aussicht“ von Horváth, Regina Fritsch Ibsens „Baumeister Solneß“ und der langjährige Beleuchtungskünstler des Festivals, John Lloyd Davies, „Lady Chatterley“ nach dem Roman von D. H. Lawrence.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2016)