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Israel: Netanjahus Held und ewiges Vorbild

Denkmal für Jonathan Netanjahu, den Kommandeur der israelischen Befreiungsaktion, in Entebbe.
Denkmal für Jonathan Netanjahu, den Kommandeur der israelischen Befreiungsaktion, in Entebbe.(c) REUTERS (JAMES AKENA)
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Premier Benjamin Netanjahu reiste nach Uganda, um seines Idols zu gedenken: seines Bruders Jonathan, der vor 40 Jahren bei der Befreiungsaktion in Entebbe ums Leben kam.

Benjamin Netanjahu neigt nicht zur Sentimentalität. Nach außen hin tritt der israelische Premier hart und entschlossen auf, niemand bleibt von seiner Kritik verschont – nicht die Feinde, nicht seine Verbündeten. Wenn er jedoch auf seine Familie zu sprechen kommt, auf seinen Vater, Benzion, einen Historiker, der im Alter von 102 Jahren gestorben ist, vor allem jedoch auf seinen früh verstorbenen Bruder, Jonathan, gerät er geradezu ins Schwärmen.

„Er hatte die Seele eines Poeten. Er war ein großer Schreiber, ein großer Denker, aber auch ein Mann der Tat.“ So pries „Bibi“ Netanjahu neulich in einem Interview mit der „New York Times“ seinen älteren Bruder, Joni. Jonathan, ein hervorragender Fußballer und Harvard-Student, Präsident der Studentenvertretung und Kommandeur der israelischen Eliteeinheit Sayeret Matkal, gilt ihm bis heute als leuchtendes Vorbild.

Um sein Andenken zu ehren, machte sich Israels Premier am Montag zu einer raren Reise nach Afrika auf, erstmals nach Uganda, danach nach Kenia, Ruanda und Äthiopien. In zweiter Linie wollte Netanjahu mit Yoweri Museveni, dem autokratischen Präsidenten Ugandas, eine strategische Partnerschaft knüpfen – auch im Kampf gegen den islamischen Terror.

 

Kommandant und Märtyrer

Vor 40 Jahren, in der Nacht auf den 4. Juli 1976, war Jonathan Netanjahu als Held und Kommandant einer Befreiungsaktion in Entebbe, der Hauptstadt des kolonialen Uganda am Viktoriasee, auf dem Flughafen Kampalas in die Märtyrergeschichte Israels eingegangen – 4000 Kilometer von der Heimat entfernt. Als einziger Israeli war er bei der Kommandoaktion ums Leben gekommen. Eine Woche zuvor hatte ein Terrorkommando namens Che Guevara, das aus Mitgliedern der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ und zwei deutschen Aktivisten der „Revolutionären Zellen“ bestand, eine Air-France-Maschine mit insgesamt 270 Menschen an Bord bei einem Flug von Tel Aviv nach Paris auf einem Zwischenstopp in Athen entführt und nach Uganda umgeleitet.

In Entebbe nahm Ugandas erratischer Diktator, Idi Amin, ein Sympathisant der PLO und selbst ernannter „König von Schottland“, das gekidnappte Flugzeug und seine Entführer in Empfang, und er stellte Soldaten zu deren Schutz ab. Zwecks Exekution selektierten die Terroristen jüdische Passagiere von nicht jüdischen, was nicht nur bei Schimon Peres, dem damaligen israelischen Verteidigungsminister, Assoziationen zu den Vernichtungslagern in Nazi-Deutschland weckte. „Die Entfernung war weit, die Zeit kurz und die Situation unübersichtlich“, erinnert sich Peres.

Während sich die Geiseln mental auf ihre Ermordung einstellten, bereitete Israel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein Befreiungsmanöver vor. In einer Frachtmaschine landete die Eliteeinheit unter Kommando Jonathan Netanjahus in Entebbe. In einer schwarzen Mercedes-Limousine, die jener Idi Amins ähnelte, überrumpelten sie die Terroristen, als jäh ein Schuss fiel – und Israel diskutiert bis heute, ob Netanjahu als Kommandeur selbst den Schusswechsel ausgelöst hat.

Die Befreiung gelang, alle 102 israelischen Geiseln samt der Air-France-Crew kamen frei, doch Jonathan Netanjahu verblutete, ehe die israelische Maschine 90 Minuten später wieder abhob. Zurück blieben drei tote Geiseln, sieben tote Terroristen und 20 tote ugandische Soldaten. Die israelischen Elitesoldaten zerstörten ein Viertel der ugandischen Luftwaffe. Aus Rache ordnete Idi Amin die Ermordung einer 75-jährigen israelischen Frau an, die in einem Spital in Kampala behandelt wurde.

In Israel ging die Kommandoaktion in die Annalen ein, für Benjamin Netanjahu war sie die Initialzündung für seine politische Karriere. Er fing an, Konferenzen über Terrorismus zu organisieren. Sein Engagement stach ins Auge, und Israels Botschafter in den USA holte ihn als Nummer zwei nach Washington. Seine Gedanken, so erzählt er im Interview, kreisen oft um seinen älteren Bruder. „Was würde Joni tun?“, fragt er sich im Stillen in brenzligen Situationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2016)