Die strenge Innenministerin Theresa May wird Nachfolgerin von Premier Cameron. Von ihr erhoffen sich die Konservativen ein rasches Ende der Chaostage.
London. Knapp zwei Wochen nach der Entscheidung der Briten zum EU-Austritt haben die regierenden Konservativen erste Schritte zur Überwindung der Schockstarre gesetzt. Für die haushohe Favoritin, Innenministerin Theresa May, sprachen sich schon vor Abstimmungsbeginn 125 Kollegen aus: „Keine Frage. Es ist Theresa May“, erklärte etwa Jo Johnson, der Bruder von Boris Johnson. Sie gewann das Votum überlegen mit 165 Stimmen. Und nach dem Rückzug der schließlich einzig verbleibenden Konkurrentin, Andrea Leadsom, wird May nun die erste Premierministerin seit Margaret Thatcher.
Von May erhoffen sich die Konservativen ein rasches Ende der Chaostage, die Partei und Land zuletzt führungslos gemacht haben. Die 59-Jährige gilt als fähige Managerin, die auf einen engen Kreis von Vertrauten hört und wenig Zeit für Unernst hat. Ein Tory-Abgeordneter sagt über May: „Wir haben es mit einer reifen, klugen, erfahrenen und kompetenten Politikerin zu tun, aber was ihr fehlt, sind Wärme und persönliche Ausstrahlung.“
Mit mittlerweile mehr als sechs Jahren im Amt ist May die am längsten dienende Innenministerin Großbritanniens seit 50 Jahren. „Allein, dass sie es so lang ausgehalten hat, ist ein Erfolg“, sagt ein Beobachter über ihre Durchhaltekraft auf dem Schleudersitz. May war eine der führenden Protagonistinnen einer harten Linie gegen Einwanderung und verlangte jahrelang den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Menschenrechtskonvention. Parteiübergreifende Anerkennung gewann sie indes, als sie 2013 die Ausweisung des Hasspredigers Abu Qatada durchsetzte.
„Das Volk hat gesprochen“
In der EU-Kampagne unterstützte May den Verbleib des Landes in der Union, blieb in der Auseinandersetzung aber praktisch unsichtbar. Nun sagt sie: „Brexit bedeutet Brexit. Das Volk hat gesprochen und es darf keine Versuche geben, das Ergebnis rückgängig zu machen.“ Konkret will sie nicht vor Jahresende in die Verhandlungen mit Brüssel eintreten. Wiederholt lehnte es May ab, die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien zu garantieren: „Dies ist Verhandlungssache.“
Ansonsten ließ sich die Innenministerin bisher nicht weiter in die Karten blicken. Das entspricht ihrem Charakter: „Sie ist extrem zurückhaltend und wittert hinter jeder Ecke eine Verschwörung“, sagt ein Abgeordneter. May gilt als extrem harte Arbeiterin, die schon mit zwölf Jahren Politikerin werden wollte und von ihrem Vater, einem anglikanischen Priester, den Wunsch nach dem Dienst an der Allgemeinheit vermittelt bekam.
Sie ist mit einem Banker in kinderloser Ehe („Ein Grund tiefer Trauer“, sagt eine Vertraute) verheiratet. Als einzige Extravaganz ist Mays Liebe zu ausgefallenen Schuhen bekannt.
Die „böse Partei“
Steht eine Frau in Großbritannien an der Schwelle zur Macht, fällt unvermeidlich der Vergleich mit Margaret Thatcher. Im Gegensatz zur „Eisernen Lady“ ist May aber eher eine Pragmatikerin als eine Ideologin. Zudem steht sie mit beiden Beinen in der Gegenwart: 2002 forderte sie die Konservativen auf, sich einzugestehen, dass sie die „böse Partei“ geworden seien und forderte eine grundlegende Erneuerung der Tories. Sollte sie den Vorsitz übernehmen, wird ihr damit mehr als genug Arbeit bleiben.
AUF EINEN BLICK
Die Unterhausfraktion der britischen Tories begann mit der Wahl eines neuen Parteichefs. Neben Innenministerin Theresa May, Justizminister Michael Gove und Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom kandidierten Arbeitsminister Crabb und Ex-Verteidigungsminister Fox. Letzterer schied nach dem Votum aus, Crabb gab auf. Weitere Abstimmungen folgen Donnerstag bzw. Dienstag. Über die verbleibenden zwei Kandidaten stimmen rund 150.000 Parteimitglieder per Briefwahl ab. Der Nachfolger von David Cameron soll am 9. September feststehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2016)