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30 Jahre UNO-City: Der Wiener Magnet für die Welt

(c) APA (Robert Jäger)
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Beim Bau des Vienna International Center wurde viel genörgelt. Heute weiß man: Die hier ansässigen UN-Organisationen und der Konferenztourismus bringen jährlich hunderte Millionen Euro ein.

Am 23. August 1979 bekam Österreichs Finanzminister Hannes Androsch Geld zugesteckt. Vor laufenden TV-Kameras. Und zwar von einem gewissen Kurt Waldheim. Der war damals Generalsekretär der Vereinten Nationen, und der eine Schilling, den er Androsch in die Hand drückte, war real die erste symbolische Jahresmiete der UNO für ihren nagelneuen dritten Standort (heute gibt es neben New York und Genf mit Nairobi einen vierten).

Mehr als zwölf Jahre, nachdem sich Regierung und Stadt Wien geeinigt hatten, die Baukosten gemeinsam zu stemmen (65 Prozent der Bund, 35 die Stadt), etwas weniger als neun Jahre, nachdem Kanzler Kreisky den Architektenbewerb „freihändig“ zugunsten des Österreichers Johann Staber entschieden hatte, wurde in der Nähe des Donaustrands die blaue UN-Flagge aufgezogen.

Die Welt schlug ihr Zelt dauerhaft in Wien auf, aber nur 500 Eingeborene fanden den Weg zu den Absperrgittern der feierlichen Eröffnung, eines „Fests des Stolzes und der Superlative“, wie die „Presse“ damals titelte. „,Vül Neger und Chinesen‘ war der einzige Kommentar, den man aus der eher lustlosen Schar der ansonsten so schaulustigen Wiener hörte“, berichtet die Troika der entsandten Reporter. Akribisch vermerken sie auch, dass Bundespräsident Kirchschläger und UN-Chef Waldheim je zwölf Minuten redeten, Kanzler Kreisky aber mit zweieinhalb sein Auslangen fand.

 

„Große Armee wäre teurer“

Tags zuvor hatte der sogenannte Sonnenkönig noch einmal der Schar der „Wozu brauch‘ ma den des“-Nörgler in typischer Kreisky-Manier erklärt, wozu man „das“ denn brauche: „Eine große Armee würde uns mehr kosten und weniger bringen.“ Was er damit meinte, erläuterte sein treuer Außenminister Willibald Pahr: Österreich sei 1938 untergegangen, ohne dass die Welt davon Kenntnis genommen habe. Es solle nie wieder geschehen, dass in Österreich – nun Treffpunkt der Welt – etwas geschehe, von dem eben diese Welt nichts wisse. Und noch etwas hat das exterritoriale Gelände Österreich gebracht, etwas, das vielen wohl greifbarer war: Der Bau habe während der „tiefgreifendsten Rezession der Weltwirtschaft seit 1945“ (!) zum „Erhalt der Vollbeschäftigung“ beigetragen, strich Androsch den Kollateralnutzen heraus. In Summe hielt der ambitionierte Bau 4000 Arbeiter in Lohn und Brot. Gebaut wurde weiter: zum Beispiel die U-Bahn, die das VIC 1982 erreichte. Oder das 2008 eingeweihte Gebäude M.

Und was bringt „es“ heute? Die Umwegrentabilität durch den Diplomatenauftrieb ist beachtlich: Rechnet man die Kosten für die Republik ab, bleibt unterm Strich ein jährlicher Nettoeffekt von mehr als 400 Mio. Euro. Diese Zahl – aus einer aktuellen Studie von Ernst & Young – bezieht allerdings alle internationalen Organisationen ein, also nicht nur die UN-Institutionen, sondern auch andere wie OSZE oder OPEC.

Der Diplomat muss wohnen, der Diplomat muss essen, die Mitarbeiter der internationalen Organisationen lassen geschätzte zwei Drittel des Gehalts im Land, in Summe 244,4 Mio. Euro.

 

Lukrativer Konferenztourismus

Auch die Institutionen selbst geben Geld aus, dazu kommt der wachsende Konferenztourismus. Befürchtungen, die Zeit der Großkonferenzen sei vorbei, erwiesen sich als unbegründet: Allein im Zeitraum 2004 bis 2008 stieg die Anzahl der Konferenztage um 15 Prozent, die der Teilnehmer gar um 125 Prozent. Es gibt sogar eine gewisse Nachhaltigkeit über den Dienst hinaus: Zahlreiche pensionierte UN-Mitarbeiter verbringen ihren Lebensabend in Österreich.

Gerade im 30. Jubiläumsjahr der UNO-City ist für Wien jedoch der New Yorker Hauptsitz ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: durch Österreichs Platznehmen am Tisch der Mächtigen, die Übernahme eines der zehn nichtständigen Sitze im Sicherheitsrat. Außenminister Michael Spindelegger will aber dort nicht nur „einen europäischen Standpunkt einbringen“, sondern auch Lobbyarbeit für den heimischen UN-Standort betreiben: „Ich will die zwei Jahre Mitgliedschaft im Sicherheitsrat nützen, um Wien wieder verstärkt als Drehscheibe für Dialog und Frieden auf die Landkarte zu setzen“, sagte er heuer in einem „Presse“-Interview.

 

Sitz im Sicherheitsrat

Ein Thema, das Österreich während seiner zwei Jahre im höchsten UN-Gremium forcieren will, ist der Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten. Dabei bekennt man sich auch zur „Responsibility to protect“: Versagten die einzelnen Staaten beim Schutz vor Völkermord, ethnischen Säuberungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so sei die Staatengemeinschaft gefordert, sagt Spindelegger. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht gefordert sein wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2009)