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„Der Wettkampf zwischen den Standorten ist hart“

(c) Die Presse (Fabry)
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Interview: Antonio Maria Costa, Chef der UNO-City, erklärt, warum Wien der beste Ort für internationale Organisationen ist und weshalb er auf seinem Campus an der Donau noch ein Plätzchen frei hätte.

„Die Presse“: Sie haben hier in der Wiener UNO-City insgesamt 16 Organisationen unter einem Dach. Gäbe es noch Platz für eine weitere?

Antonio Maria Costa: Der Campus hat, nach der Renovierung der Gebäude und der Anlage, seine Dichte erhöht. Es gab Zusammenlegungen, sodass neuer Platz entstanden ist. Der ist allerdings beinahe schon wieder aufgebraucht: durch das neue M-Konferenzgebäude und neue Organisationen wie etwa jene, die die Schäden erfasst, die durch den Bau der Mauer in den besetzten palästinensischen Gebieten verursacht werden. Aber der Campus kann noch wachsen, sollte es die Entscheidung geben, weitere Organisationen hier anzusiedeln.

 

Thematisch reicht das Portfolio von Drogen über Israel bis in den Weltraum. Wäre es nicht effizienter, das Profil des Wiener UN-Standorts ein wenig zu schärfen?

Costa: Der Trend bei der UNO geht in diese Richtung, speziell in Wien. Wir wollen Cluster von Organisationen mit verwandten Mandaten. Rom ist der Standort für Ernährung und Landwirtschaft. In den Niederlanden sind Organisationen angesiedelt, die mit dem Rechtssystem und den Tribunalen zu tun haben.

Wien ist bereits ein Cluster rund um das Thema Sicherheit: Energiesicherheit, zivile Sicherheit, Sicherheit vor Verbrechen, Versorgungssicherheit, Sicherheit von nuklearen Anlagen. Dazu kommen in Wien auch noch Nicht-UN-Organisationen wie die Opec, die sich mit der Versorgungssicherheit durch Energie befasst, oder die OSZE.

Irgendwie passt die Unido (Organisation der UNO für industrielle Entwicklung) nicht in das Cluster-Konzept. Die Entwicklungsorganisationen der UNO sind über die Welt verstreut, es gibt eine in New York, eine in Genf, eine in Wien.

Costa: Man sollte nicht alles, was historisch gewachsen ist und nicht ganz ins neue Konzept passt, verdrängen. Die Unido ist seit 1967 in Wien. Und letztlich ist Entwicklung ohnehin die wichtigste Voraussetzung für Sicherheit.

 

Wo sehen Sie Möglichkeiten, die UNO effizienter zu strukturieren?

Costa: Der Generalsekretär selbst hat sich bei einer Reihe von Anlässen für eine Überprüfung einiger der wichtigsten Institutionen der Vereinten Nationen ausgesprochen. Ein Beispiel ist der Sicherheitsrat, der die Logik und Machtverteilung des dritten Jahrtausends widerspiegeln soll und nicht jene der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Generalsekretär unterstützt das Konzept der „Einen UNO“, die nicht aus fragmentierten Institutionen besteht, sondern als eine Einheit agiert, mit einer einheitlichen Logik, aber verschiedenen Spezialisierungen. Aber natürlich ist die UN-Reform ein politisch sehr heikler Prozess.

 

Die UNO-City hier in Wien war einst ziemlich umstritten. 1982 haben 1,3 Millionen Österreicher ein Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum unterschrieben. Haben Sie das Gefühl, dass die Wiener den UNO-Standort inzwischen schätzen? Oder ist die UNO-City eher ein Paralleluniversum, wie ein Raumschiff, das vor 30 Jahren gelandet ist und kaum Verbindung zu den Wienern hat?

Costa: Ich hatte die Ehre, für den damaligen Generalsekretär der UNO, Kurt Waldheim, zu arbeiten, und ich glaube, er hat enorme Weitsicht bewiesen, als er diesen Standort vorgeschlagen und unterstützt hat. Dieser Campus ist ein Motor für den wirtschaftlichen Wohlstand Wiens.

Schauen Sie sich die Zahlen an: Mehrere tausend Menschen sind hier direkt angestellt. Dazu kommen die einzelnen Vertretungen, Delegationen, Versorgungseinheiten, Journalisten. Insgesamt sind es an die 10.000 Haushalte mit einem Einkommen, das deutlich über dem österreichischen Durchschnitt liegt. Dazu kommen die Meetings, die wir organisieren und die tausende Menschen hierherbringen. Allein das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung hat jährlich 3000 Besucher, die Atomenergiebehörde IAEO wahrscheinlich dreimal so viele. Und alle schlafen in Hotels, essen in Restaurants. Das macht in Summe einiges aus.

Deshalb gibt es auch einen harten Wettbewerb zwischen den Standorten, wenn es darum geht, wo neue Institutionen angesiedelt oder Konferenzen abgehalten werden sollen.

 

Erwarten Sie für die nächsten Monate neue Sparprogramme in der UNO? Selbst wenn die Krise vorbei ist, müssen die Regierungen erst mal ihre Schulden zurückzahlen.

Costa: Ja, in der Tat fürchten wir, dass die Finanz-, Wirtschafts- und soziale Krise einen Einfluss auf die Bereitschaft der Mitgliedstaaten hat, internationale Hilfsprogramme zu finanzieren. Wenn der Aufschwung stark ist, was noch nicht der Fall ist, könnten die Mitgliedstaaten hoffentlich zum hohen Niveau der Entwicklungshilfe der Vergangenheit zurückkehren. Derzeit sehen wir da ein Problem.

 

Spüren Sie auch für Wien Auswirkungen des Sparkurses?

Costa: Zu einem gewissen Grad. Weniger im Hauptquartier als vor Ort, in den einzelnen Aktivitäten.

 

Das Vienna International Center wirkt trotz Renovierung wie ein Relikt aus den 70er-Jahren. Sind die Umbauarbeiten abgeschlossen oder kommt demnächst wieder ein Facelifting?

Costa: Es gab zuletzt zwei große Unterfangen. Eines war der Bau des M-Buildings, des neuen Konferenzgebäudes, das uns nach mehreren Baujahren jetzt zur Verfügung steht. Dazu kommt die Sanierung, die anfangs vor allem den Asbest betroffen hat. Daraus wurde dann auch eine Frage der Sicherheit und Umweltfreundlichkeit. Wir haben beschlossen, auch gleich die Fenster auszutauschen und Thermofenster einzubauen.

Die sind einerseits umweltfreundlich, andererseits auch bruchsicher, was im Fall einer Explosion wichtig ist. Die Energiefrage war wichtig, weil hier, wie in New York, eine Seite Richtung Norden, eine Richtung Süden schaut, und wir deshalb immer eine Seite gekühlt und die andere geheizt haben. Es war eine enorme Verschwendung. Außerdem haben wir die Kabel für Internet und IT auf den heutigen Stand der Technik gebracht, das hat die österreichische Regierung finanziert. Und wir haben die Teppiche erneuert und alles saniert.

 

Sie sind also zufrieden mit der Infrastruktur in Wien?

Costa: Die Stadt Wien, die Regierung und die Wiener sind sehr gastfreundlich, großzügig und freundlich. Ich kann sogar sagen, Wien ist der erstrebenswerteste Standort für internationale Organisationen. Es ist eine sehr lebenswerte, schöne und sichere Stadt. Ich mag die humane Größe. Früher war ich gern in einer Zehnmillionen-Metropole wie London. Aber wenn man dort irgendwohin will, braucht man mit dem Auto eineinhalb Stunden. Hier nur ein paar Minuten.

 

Haben Sie einen Lieblingsort hier?

Costa: Ich wohne im ersten Bezirk, das ist mein Lieblingsort.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2009)