„High-Rise“: Die Mittelklasse ist hier die Unterschicht

 Ob auf dem Weg ins Penthouse, in das ihn der Architekt eingeladen hat, oder beim Ausmalen: Der Arzt Laing (von Tom Hiddleston im Film „High-Rise“ feinnervig verkörpert) trägt immer Anzug.
Ob auf dem Weg ins Penthouse, in das ihn der Architekt eingeladen hat, oder beim Ausmalen: Der Arzt Laing (von Tom Hiddleston im Film „High-Rise“ feinnervig verkörpert) trägt immer Anzug.(c) Thimfilm
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Im visuell furiosen Science-Fiction-Film „High-Rise“ des britischen Regisseurs Ben Wheatley entladen sich Spannungen zwischen Hochhausbewohnern in einer Gewaltorgie. Die Vorlage von J. G. Ballard galt als unverfilmbar.

Das Hochhaus als Wohnort ist mit zwei Vorstellungen verbunden: Einerseits steht es für Armut, man denke an die schnell hochgezogenen Sozialbauten in Städten von Wien über Paris bis zu New York. Gesichtslose Funktionsbauten. Andererseits verheißen Hochhäuser Wohlstand, Reichtum gar – Wohnluxus hinter gläsernen Fassaden mit spektakulärer Aussicht. Der britische Science-Fiction-Film „High-Rise“, der in fiktiven Siebzigern am Rand Londons spielt, vereint diese beiden Bilder: die Abstiegsangst und den Aufstiegswillen. Die Wohnungen in dem brutalistischen Hochhaus, das mit einem schrägen, terrassenförmigen Aufsatz im oberen Drittel seltsam geformt ist, sind streng nach sozialem Status eingeteilt. Unten wohnt der kinderreiche „Pöbel“ – wobei dieser hier der Mittelschicht angehört, nicht der Arbeiterklasse –, und je weiter es nach oben geht, desto wohlhabender werden die Bewohner. Zuoberst im Penthouse lebt der Architekt des Gebäudes, Royal (Jeremy Irons), dessen grotesk verspielter Garten sich beinahe über das gesamte Flachdach des Betonkomplexes erstreckt.

Selbst ein Schaf und ein Pferd weiden dort, stellt der Arzt Laing fest, der eine der begehrten Einladungen des Architekten in seine Räumlichkeiten erhalten hat. Laing selbst ist ungefähr in die Mitte gezogen, in das Apartment 2505 des 40-Stockwerke-Gebäudes. Er hat „nur“ einen Balkon, auf dem er – sich nackt sonnend – Bekanntschaft mit dem alleinerziehenden Partygirl Charlotte (Sienna Miller) macht, die beinahe eine Champagnerflasche auf ihn fallen lässt. Auf einer ihrer ausschweifenden Feiern freundet er sich mit dem aufrührerischen Filmemacher Wilder (formidabel: Luke Evans) und dessen hochschwangerer und kettenrauchender Frau, Helen („Mad Men“-Star Elisabeth Moss), aus den unteren Stockwerken an.

Alkohol ist die Währung

Der glatte, attraktive Laing bewegt sich zwischen Oberklasse und Unterschicht. Über ihn persönlich erfahren die Zuschauer kaum etwas. Seine Schwester sei vor Kurzem gestorben, erzählt er einmal. Was in den Kisten in seiner Wohnung lagert? „Sex und Paranoia“, behauptet er. Das kann alles und nichts bedeuten. Ein Mann ohne Eigenschaften. Doch, er ist eitel, zumindest ein wenig. Immer im Anzug gleitet Laing wir ein Schlafwandler durch die Gänge. Gespielt wird er vom britischen Schauspieler der Stunde, Tom Hiddleston, selbst ein Kind der Oberschicht, ausgebildet in Eton und Cambridge. Mit seiner sanften Stimme gibt er Laing etwas Feinnerviges, beinahe Nervöses.

Die Abstiegsangst der Oberklasse äußert sich im Feiern exzessiver Partys, die jene der „Unteren“ übertreffen sollen. „Alkohol ist die Währung, Sex gilt als Allheilmittel“, wie es in den Presseunterlagen treffend heißt. Immer wieder fällt der Strom aus, die Müllschlucker verstopfen. Das führt zum Streit zwischen den Bewohnern um Verteilungsgerechtigkeit. Das Haus leide an „Kinderkrankheiten“, versucht der Architekt zu beschwichtigen. Umsonst. Nach einem besonders wilden Fest eskaliert die Situation. Die dünne Haut der Zivilisation reißt – und die Bewohner ergeben sich einem drei Monate dauernden Zerstörungsrausch, dem die meisten der 2000 Bewohner zum Opfer fallen.

Laing ergreift keine Partei im Kampf um Ressourcen und Zugang zu den Annehmlichkeiten des Hauses. Das Gebäude verfügt nämlich über einen eigenen Supermarkt, Fitnessraum sowie über ein Schwimmbad. Rings um das Hochhaus erstreckt sich ein gigantischer Parkplatz, der die Bewohner von der Außenwelt abschneidet, mit Fortschreiten des Films immer mehr. Das Haus und die Menschen darin schotten sich ab und veranstalten einen Reigen aus Sex und Zerstörung.

Eine Gesellschaft, die sich zerfleischt

Die fast orgiastische Entladung primitiver Gewalt ohne ein erkennbares politisches Motiv, ohne Reue und ohne Rücksicht auf Verluste gilt als Leitmotiv im Werk des britischen Schriftstellers James Graham Ballard, auf dessen 1975 erschienenen Roman der Film basiert. „High-Rise“ sollte bereits Ende der Siebziger verfilmt werden, von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“-Regisseur Nicolas Roeg, später hieß es, er sei unverfilmbar. Nun setzte Regisseur Ben Wheatley den Stoff um, gemeinsam mit Drehbuchautorin Amy Jump. Wheatley gilt mit 43 oder 44 Jahren (das genaue Geburtsdatum ist nicht zu finden) immer noch als Hoffnungsträger von Großbritanniens Kino und als konsequenter Stilist. Die Bilder sind originell: Kameramann Laurie Rose trennt gern Kopf und Körper, zeigt erst das eine, dann das andere. Einmal sieht man einen Mord durch ein Kaleidoskop. „High-Rise“ zeichnet so ikonenhafte Tableau vivants von Vandalismus. Auf der Handlungsebene entzieht sich der Film konsequent gängigen Erzählmustern. Das ist ehrgeizig, auf Dauer aber ermüdend. Die Dialoge wirken bedeutungsschwanger, sind jedoch – das ist manchmal komisch, manchmal nur irritierend – seltsam platt. In einer Szene referiert Charlotte etwa über soziale Hierarchien, während sie Sex mit Laing hat. Trotz seiner formalen Brillanz wirkt „High-Rise“ daher inhaltlich oft zu willkürlich, um ein Meisterwerk zu sein.

Dabei hätte die Klassenkampfthematik durch den Brexit unerwartet neue Aktualität bekommen. „Wer Geld hat, wählt ,Remain‘, wer keines halt, wählt ,Leave‘“, so brachte es der „Guardian“ auf den Punkt. Die Abschottung von der (komplexen) Welt ist im Film jedenfalls keine probate Lösung. Denn der Rückzug in die Isolation führt bloß zu einer Gesellschaft, die sich selbst zerfleischt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2016)

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