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Die Philosophie auf der Trainerbank

Roy Hodgson: Der Brite, 68, war der älteste Trainer bei dieser EM.
Roy Hodgson: Der Brite, 68, war der älteste Trainer bei dieser EM.(c) REUTERS (LEE SMITH)
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Die Arbeit von Teamchefs und Klubtrainern unterscheidet sich bereits durch das tägliche Training. EM-Verbände bevorzugen die Routine, Klubs wollen Elan und Manager-Typen.

Bukarest/Paris. Ehemalige Trainer von Austria Wien stehen aktuell rund um die Fußball-EM hoch im Kurs. Joachim Löw bestreitet mit Fußballweltmeister Deutschland morgen das Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich. Und Christoph Daum steht laut übereinstimmenden Medienberichten vor dem Engagement als Teamchef Rumäniens. Der mittlerweile 62-Jährige soll einen Zweijahresvertrag erhalten, die finale Entscheidung des Präsidiums um Verbandschef Razvan Burleanu wird heute fallen.

Nach Informationen der Deutschen Presse Agentur verhandelt Daum, er führte Austria in der Saison 2002/2003 binnen weniger Monate zum Double, seit einer Woche mit Rumäniens Verband. Seit knapp zweieinhalb Jahren war er ohne Job, nun könnte sich für ihn einer der noch größten, offenen Karrierewünsche erfüllen: ein Nationalteam zu betreuen. Im Jahr 2000 wäre er – im wahrsten Sinn des Wortes – um ein Haar DFB-Teamchef geworden. Doch die Kokain-Affäre warf alle Pläne des Deutschen über den Haufen.

 

Löw mit 56 ein Jungspund

Diese Fußball-EM zeigt, dass Trainer, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, weiterhin gefragt sind auf diesem Markt. Zugleich ist es für junge Betreuer ein eher alarmierendes Signal.

Italiens neuer Teamchef, Giampero Ventura, ist fast 70 Jahre alt. Der Rumäne Anghel Iordanescu ist 66, Spaniens Vicente del Bosque trat nun im Pensionsalter von 65 Jahren zurück. Der Türke Fatih Terim (62), der Kroate Ante Čačić (62) – alle über 60. Englands Roy Hodgson war als 68-Jähriger der älteste Trainer bei dieser EM, der Portugiese Fernando Santos ist 61, nur Löw ist mit 56 ein Jungspund. 18 der 24 Trainer sind bei der EM in Frankreich älter als 50 Jahre.

Während Vereine, egal ob in Deutschland, England oder auch in Österreich, gezielt jüngere, dem Managervorbild entsprechende und eventuell sogar im eigenen Klub ausgebildete, jüngere Betreuer suchen und engagieren, hält der Oldie-Trend bei Nationalteams an. Über die Philosophie wird gestritten, gute Trainer kennen kein Ablaufdatum, gewiss. Das Gros von ihnen aber übersieht sportliche Entwicklungen, persönliche Veränderungen, Techniken, etc. und damit auch den rechten Augenblick zum Absprung.

Teamchef und Klubtrainer, das sind zwei komplett konträre Jobs. Der eine bedingt Reisen, das Verfolgen aller Spieler, deren Leistungen und die permanente Kontaktaufnahme mit diversen Vereinstrainern. Sie bekommen für ihre Teamsitzungen fertige und fitte Spieler, müssen diese aber – siehe am Beispiel Österreich – richtig unterhalten, um sie bei Lust und Laune zu halten. Marcel Koller ist übrigens 55 Jahre alt. Klubtrainer stehen täglich auf dem Trainingsplatz, brüten über Systeme und Aufstellungen, sind weitaus näher dran an Spielern, Beratern. Sie haben auch weniger Einflüsterer zu fürchten denn ein Teamchef – überaus mitteilungsfreudige Ex-Internationale gibt es doch in jedem Land.

 

Könnte Klopp Teamchef sein?

Warum ein Nationalteam nichts für ausgewiesene Trainertypen ist, erklärte zuletzt der Italiener Antonio Conte überaus beeindruckend. Als Teamchef der Squadra Azzurra habe er sich „wie ein voll getanktes Auto in der Garage gefühlt“, erklärte der 46-Jährige, der nun bei Chelsea London neu durchstarten will. „Du schaffst die Qualifikation für ein Turnier, dann vergehen noch einmal vier Monate, bis es überhaupt beginnt.“ Und dann ist alles nach nur drei, eventuell vier Spielen auch schon wieder vorbei.

Ob Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder José Mourinho ausrasten würden, wenn sie als Teamchef nur alle paar Wochen arbeiten könnten? Wären Löw und Koller wieder gute Klubtrainer? Auf diese Frage liefert selbst das (fortgeschrittene) Alter keine passende Antwort. (fin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2016)