Was unterscheidet einen Riesen von einem Zwerg? Einen Hetzer von einem Spaßmacher? Manchmal nur ein Konsonant.
Ein guter Tag, sage ich, beginnt z. B. mit einer unfallfreien Rasur, einem geglückten Amtsweg und dann, im Kaffeehaus, der Lektüre eines schönen Wortes, das man schon lang nicht mehr gehört oder gelesen hat. Diesfalls das Wort „drollig“, just gesehen in der Zeitung „Die Welt“: Jacques Schuster charakterisiert so das Verhalten der moderaten Kräfte in der deutschen AfD, die sich darüber „wundern, dass immer mehr Unappetitliches in ihre Bewegung sickert“.
Das Wort kommt aus dem Holländischen, Drol ist dort ein Knirps, ein kleiner Dickwanst, es dient als vulgäres Wort für Kot, aber auch als geradezu zärtliche Anrede, im Sinn von „Dickerchen“. Wer alle „Asterix“-Bände auf Holländisch hat, möge bitte nachschauen, ob Gutemine in gutmütiger Laune ihren Majestix so nennt. Dass das Wort heute im Deutschen etwas Heiteres, Spaßiges an sich hat, könnte an der Assoziation mit dem französischen „drôle“ (lustig) liegen.
Der Drol ist jedenfalls klein, harmlos, im Gegensatz zum Troll. Zumindest zum Troll, wie er in der ganz alten Zeit war, in den Nebelschwaden der nordgermanischen Mythologie: Dort hauste er in Utgard, war riesig, konnte sich in einen Berg verwandeln. Dann machte er über die Jahrhunderte eine Zähmung, Schrumpfung und Verallgemeinerung durch, zu einer Art nicht ganz geheurem Gartenzwerg. Seit der Gruppenphase der laufenden EM weiß jede Leserin von Sportseiten, dass die Isländer an Trolle (und Feen) glauben; das hat ihnen gegen das laizistische Frankreich auch nichts geholfen.
Seit 1990 macht der Troll eine zweite Karriere: als Person, die im Internet vor sich hin schimpft, provoziert und Debatten stört. Das ist sicher böse, aber in meinen Ohren klingt das Wort auch mitleiderregend: Ich stelle mir ein verschrobenes Männchen vor, mit verbogener Brille und verbittertem Blick, dem das Leben übel mitgespielt hat. Kann man es wirklich hassen, wie es da grollend sitzt, während sich die ganze Welt, inklusive der Erzeuger von nicht unfallfrei verwendbaren Rasierklingen, gegen es verschworen hat?
Anders gefragt: Ist der Troll nicht auch ein Drol? Und was bewirkt der Wechsel vom stimmlosen zum stimmhaften Konsonanten? Er macht ihn weicher, verletzlicher; er bewirkt womöglich, dass er sich in Frieden trollt und fortan Gartentipps oder Minidramen über Gesichtsverletzungen im Rahmen der morgendlichen Hygiene ins Netz stellt. Ähnlich ist es mit dem Teppen, den der aktuelle „Duden“ lieber weich schreibt, obwohl er vom Tappen kommt, ihn damit zähmend und verharmlosend. Der Depp, oft alliterierend im Dorf verortet, hat etwas Ländlich-Sittliches, man traut ihm nichts Gefährliches zu, das ist m. E. ein Grund dafür, dass der Film „Edward mit den Scherenhänden“ mit Johnny Depp in der Hauptrolle im deutschen Sprachraum eher als Schwank rezipiert wurde. Der Tepp hingegen ist meist unerwünscht, unberechenbar: Wer weiß, ob er nicht, wenn keiner hinschaut, böse Postings ins Internet schreibt!
Kommen wir zu unseren heutigen Vorschlägen zur Verbesserung der Welt: 1) In jedem Troll das Drollige sehen. 2) Nicht den Deppen teppert schimpfen, sondern den Teppen deppert. 3) Rasierklingen herstellen, mit denen man sich nicht schneidet.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2016)