Historische Kulisse: Neuer Schlossgeist im Urlaub

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Ein Gespenst geht um in feudalen Gemächern. Der neue Stilwille, der Geist der Imagekorrektur, die Lust an der Improvisation. Urlaubsgegenwart in Historischer Kulisse.

Ein langer Gang durch die Geschichte, buchstäblich. Man passiert Mauern, die schon vor 1500 gestanden haben. Schaut durch Fenster eines mittelalterlichen Wohnturms, den 1693 ein gewisser Reichsgraf Johann P. von Lamberg erworben hat. Schließlich steht man – zur Dinner­zeit – in einer romantischen Säulenloggia, die von 1885 datiert. Das ist der Zeitpunkt, an dem das Schloss auf dem kleinen Hügel zwischen dem Schwarzsee und dem Kitzbüheler Horn enorm an Bauvolumen zugelegt hat. Damals wuchsen an den Flanken turmartige Aufbauten mit an, und ein Treppenturm erschloss den mächtigen Baukörper.

Danach war Schloss Lebenberg startklar, als einer der ­ersten Fremdenverkehrsbetriebe in der Gamsstadt entsprechende Gäste aufzunehmen. (Geld-)Adel und Prominenz.

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Cut – Zeitensturz und Stilbruch! Im Lebenberg’schen Hier und Jetzt nimmt der Gast die gegenwärtigen Anteile vermutlich stärker wahr als seine historischen. An dem alten Schloss hat – finalisiert im Vorjahr – ein großes Objekt – Stahl, Glas, Beton – angedockt. Damit ist dieses Austria Trend Hotel (Verkehrsbüro Group) auf 150 Zimmer und Suiten, große Veranstaltungsräume und einen eigenen Beauty- und Vitalturm angewachsen. Auch ein Stern kam dazu, ein fünfter. Der Neubau, so von außen betrachtet: funktionell, ja, clever, keine Architekturpreisoption, aber interessanter Konterpart zum alten Gemäuer.

Im Dachgeschoß des neuen Bauteils liegt ein riesiges Schwimmbecken, Europas größter Indoorpool. 260.000 Liter sind für Statiker keine Kleinigkeit, wobei das ­Außergewöhnliche weniger das Volumen als das Format zu sein scheint: Schmale 46 Meter werden durch einen Spiegel noch einmal gestreckt. Nur der Blick nach draußen lenkt den Schwimmer von dieser Marathondistanz ab. Er schaut hinüber auf die Hahnenkammseite, aha, schon viele Leute im Zielraum der Streif . . .

Der Umbau von Schloss Lebenberg war nicht auf große ­ästhetische Konfrontationen angelegt. Es galt, den Kern ­ohne Substanzverlust zu integrieren. Möbel, Bilder und Dekorationsgegenstände wanderten aus dem alten Bestand auch in den neuen; das sind dann die Details, die den Gast daran erinnern, dass er sich bei allen modernen Annehmlichkeiten in einem historischen Kontext befindet. Freilich existieren Räume im alten Teil, die unverändert geblieben sind: Kassettendecken, Ohrensessel, Schnörkel, alles da. Ein Prachtexemplar von Kachelofen aus dem Barock. Da war das Denkmalamt schon dahinter.

Wassergeist. Schlosshotelkonditionierte ziehen im Sommer gern an den Wörthersee weiter. Was logisch scheint in Anbetracht der Dichte an schlossartigen Objekten. Wobei: Die Grenze zwischen Schloss, Schlössl und Schlossvilla erweist sich als fließend, sodass in dieser Liga vieles mitspielt, was älter als hundert Jahre ist und halbwegs feudal wirkt. Mehr oder weniger radikale Eingriffe in die Wörthersee-Architektur haben in den letzten Jahren stattgefunden. Mussten sie auch, denn das altehrwürdige Setting konnte oft nicht mehr über den Mangel an Komfort (im Bad, in der Haustechnik) hinwegtäuschen.

Umfangreichstes und diskutiertestes Beispiel für diese Einwicklung ist bislang Schloss Velden. 1603 entstand das Lustschloss der Khevenhüller, heute ist die Landmark am See ein Capella-Hotel. Bis 1990 regierte hier eine weibliche Linie aus der Veldener Hoteldynastie Mößlacher, die viel erlebte: illustre Feste, prominenten, hoch­aristokratischen Besuch, aber auch britische Besatzer, die mit der Substanz nicht gerade sorgsam umgingen. Zuletzt bedrängten die neuen Anforderungen des Tourismus die Substanz. Gunter Sachs, wörtherseeaffin, klinkte sich als Besitzer ein, aber nach einigen Jahren wieder aus. Und dann war da noch diese Filmphase, die dem Schloss zu ungeahnter Popularität verhalf. Wenigstens einmal an Roy Blacks Hotel vorbeispazieren . . .

Nach einem Um- und Erweiterungsbau nach Plänen von Jabornegg & Pállfy prägt seit zwei Jahren ein deutlicher Kontrast das Bild der großen Anlage. Das Schloss dominiert satt schönbrunngelb den Vordergrund, dahinter wurde die Idee der alten Hofbebauung mit modernsten Mitteln wieder aufgegriffen; weiße Kuben mit Residenzen und weiteren Hotelzimmern wurden wie ein Rahmen um einen Schlossgarten herum angelegt. Sechs Sterne trägt das Haus, man beschränkte sich auf 105 Gästezimmer und Suiten. Der neue Schlossgeist gilt für den Service – es wurde eine Art Personal Assistant eingeführt, der „proaktiv“ auf die Gäste zugeht, er gilt aber auch für das ­Auriga Spa, das mit dem „European Health & Spa Award” ausgezeichnet wurde. Und für die Dreihaubenküche des „Schlossstern“, in der Silvio Nickol experimentiert.

Lebensgeist. Eine andere Baustelle, in der ein neuer Schlossgeist eingezogen ist, liegt am Eingang von Pörtschach. 1492 wurde Schloss Leonstain erbaut, anders als das dominante Objekt in Velden übt es sich optisch geradezu in Zurückhaltung. Man muss schon hinter die gedrungenen weißen Mauern an der Hauptstraße blicken, um seine Reize zu entdecken. In der Tat eröffnet sich dann ein Innenhofidyll mit Arkaden; die Anlage ist nicht sehr groß, sondern mit 33 Zimmern schön übersichtlich. Johannes Brahms gefiel es im Schloss Leonstain so gut, dass ihm das beim Komponieren half. Auch heute suchen vermehrt kreative Geister dieses romantische Ensemble, weil die Atmosphäre nicht steif und gesetzt, sondern locker und leicht wirkt.

Besitzer Christoph Neuscheller engagierte das Berliner Markenbüro Gerstner, um sein Haus zu überdenken. Denn selbst ein Schloss mit sehr treuen Stammgästen muss sich darum sorgen, ob und welche nachkommen. Was könnte man tun, um potenzielle neue Gäste zu finden? Zielgruppen wie besser verdienende Familien, Medienleute, Alleinreisende? Eine Verjüngung fand statt, allerdings ohne massiven Umbauaufwand und ohne sich von Biedermeiermobiliar und Landhausstil in den Zimmern zu verabschieden. Obwohl, sagt Eva-Miriam Gerstner, „wir vor einem Riesenbrocken standen“. Die alten Böden kamen raus, neue Badezimmer wurden eingebaut und Gimmicks für den Gast eingeführt – wie etwa kostenlose Minibar im Zimmer und Wlan bis zum Wasser. „Wir haben an den Features gefeilt.“

Der Relaunch macht sich an vielen Details bemerkbar: ambientetechnisch geht’s in Richtung „stylish-gemütlich“. Die Mitarbeiter konnten typische Servierkleidung gegen „Großstadtdirndln“ (Wickelkleider) oder schlichtes Schwarz tauschen. Dabei bleibt’s nicht – denn Mitarbeiterschulung ist zusätzlich im Konzept inbegriffen.

Zum Dreh- und Angelpunkt im sommerlichen Schlossdasein mutierte der Beachklub gleich über der Straße. Geplant wurde die Anlage von den Berliner „Peanutz Architekten“, die mit leichter Hand eine relaxte Atmosphäre erzeugten, sehr einladend für Yoga-Sessions, Aperol-Spritz-Nachmittage oder Abhängetage am türkisen Wörthersee-Ufer. Veranstalterisch macht sich Schloss Leonstain übrigens auch bemerkbar: mit dem „Weißen Fest“, Koops in Sachen Golf und Gastronomie sowie originellen Packages.

Nostalgiegeist. Es müssen nicht immer Bagger oder große Investoren anrücken, um das Gespenst der Vergangenheit auszutreiben. Manchmal reicht die Initiative überzeugter Einzelkämpfer oder kleiner, engagierter Teams. Und zugleich verpflichtet Schlossambiente nicht nur zu High-End-Hotellerie mit allen Schikanen. In manchen Häusern zählt die nostalgische Atmosphäre, die originelle Improvisation mehr als ein Flatscreen in der Suite. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Im Miralago, ebenfalls in Pörtschach, muss Johannes Muchi­tsch nicht sehr viel tun, die Gäste für diesen speziellen Platz einzunehmen. Die Schlossvilla ist Teil des vermutlich schönsten Villenensembles am Wörthersee, sie liegt inmitten einer Parkanlage mit Freitreppen und knirschenden Kieswegen, die an einem wunderschönen Badehaus enden, wo man champagnisieren, dinieren, dösen kann. Muchitsch musste weniger große Eingriffe machen als Altes etwas in Stand setzen, Weggeräumtes ausgraben und mit viel Weiß kombinieren.

Mit Sinn für schräge Kombinatorik gingen wiederum die beiden Betreiber der Villa Verdin ans Werk. Von innen präsentiert sich die heißeste Szeneadresse am Millstätter See als eine Kreuzung aus Schlösschen und Villa Kunterbunt. Charmant wurden Möbel zusammengewürfelt, Nippes stehen herum, großformatige Ölschinken hängen an rot gestrichenen Wänden. Aus den Boxen dringt Elektroniksound, dezent; gekocht werden ein paar Gerichte – wenn’s aus ist, schmeckt halt was anderes gut. Ausschließlich zum Essen oder zum Übernachten (es gibt ein paar Zimmer) kommt ohnedies keiner in diese nostalgische Uferszenerie, man setzt sich vielmehr in den Salon, in den Gastgarten, lehnt an der kurzen Theke und schaut, wer kommt, was kommt. Sehr „laid back“. Das spricht sich herum. Auf dem Parkplatz: viele Wiener Kennzeichen.

Familiengeist. Das älteste kontinuierlich von Unternehmergeist beseelte Gemäuer ist äußerlich kein Schloss, das Romantik-Hotel Gmachl hat mehr von einem Gutshof. Doch drinnen wirkt’s dank stilvoller Ausstattung und schöner Gewölbe schlossartig. Seit der 22. Generation befindet sich das Anwesen im Familienbesitz und ist damit der älteste touristische Familienbetrieb in Österreich. Heuer feiert man 675 Jahre – ein Anlass für einen Um- und Erweiterungsbau, bei dem ein unterirdischer Gang das Stammhaus mit dem erweiterten Klosterhof verbindet.

Das Ensemble bildet das Zentrum des kleinen Bauerndorfs Elixhausen, wenige Minuten von Salzburg und den Festspielen entfernt. „Pool mit Kirche“, scherzt Michaela Hirnböck-Gmachl, die Chefin des Hauses, über dasselbe. Tatsache, denn ein schlauer Vorfahre sorgte durch eine Spende dafür, dass die Kirche vor die Haustür gebaut wurde und man sonntags um den Gmachl’schen Wirtshaustisch gar nicht erst herumkam. Ein Pool liegt nun auch im neuen Dachgeschoß und ist Teil einer lichten, stylishen Wellnesslandschaft, von der aus man die Festung Hohensalzburg sieht.
In der Salzburger Altstadt selbst könnten Schlosshotel­begeisterte übrigens auch eine neue alte Adresse testen. Die zum Hotel Auersperg gehörige Villa wurde stilecht adaptiert: Die Fassade erhielt ihr originales Gründerzeitgesicht zurück, drinnen begegnet man Lustern von Kolo Moser, Eames-Chairs und Möbelstoffen nach den Vorlagen von Josef Hoffmann. Schöne Idee: Bücher im Zimmer und ein City-Spa plus Dachterrassenidyll.

Ökogeist. Alte Mauern verschlingen Energie und Geld, davon können Schlossbesitzer ein Lied singen. In das Schlosshotel Thannegg (Gröbming-Moosheim) investierten Ernst und Gerlinde Schrempf nicht nur 20 Jahre Revitalisierungsarbeit, sondern verpflichteten sich dabei auch dem Umweltgedanken. Der Energy Globe Award in der ­Kategorie „Earth“ war ihnen im Vorjahr dafür sicher: Einbau von 1500 Quadratmeter Fußboden- und Wandheizung, Wärmeisolierungen, ­Hightech-­Wärmepumpen in das 850 Jahre alte Objekt. Freilich: Kachelöfen und ­Kamin­feuer haben nicht ausgedient – sie gehören zum Ambiente von Schloss Thannegg, deren „mittelalterlicher Rückbau“ zu einer Lebensaufgabe der Besitzer wurde.

Im Vorjahr ist Schloss Mühldorf (nahe Linz) zum „Small Luxury Hotel of the World“ erkoren worden, wobei small und Hotel nicht ganz zutreffende Begriffe scheinen: Das Areal des fast 700 Jahre alten Schlosses ist „big“, und die Zimmer verteilen sich auf mehrere Objekte – einen aufwendig renovierten Meierhof, ein Verwalterstöckl, zwei Villen. Ein neuer Style ist dort eingezogen – und es passt auch gut ins Bild, dass im Schloss ein exklusiver Küchen- und Raumdesigner mit einer Dauerausstellung eingezogen ist. Das könnte man tun: anschauen, im Haubenrestaurant besprechen und eine Nacht darüber schlafen. Und abwarten, ob einem um Mitternacht ein Schlossgeist erscheint.

Historische Adressen
Hotel Schloss Lebenberg, Kitzbühel aus erhöhter Perspektive, fünf Sterne, www.austria-trend.at/leb

Schloss Hotel Velden, Legende am Wörthersee, sechs Sterne, www.capellaschlossveldenhotel.at

Hotel Schloss Leonstain, romantisch, stylish in Pörtschach, Brahms mochte es schon, www.leonstain.at

Villa Verdin, origineller Hotspot am Millstätter See, www.villaverdin.at

Miralago, Schlossvilla mit Weiß­anteilen und Badehaus in Pörtschach, www.miralago.at

Gmachl, Romantik-Hotel in Elixhausen, Salzburg in Sicht, Kirche vor der Haustür, www.gmachl.com

Villa Auersperg, Hotel und revitalisierte Gründerzeitvilla in Salzburg, www.auersperg.at

Schloss Thannegg, Energie-Award-dekoriert; Lebensprojekt engagierter Besitzer; in Gröbming-Moosheim, www.schloss-thannegg.at

Schloss Mühldorf, Hoteldorf in großer Anlage, nahe Linz (09), Small Luxury Hotel of the World, www.schlossmuehldorf.at

Schlosshotels & Herrenhäuser in Österreich und in ehemaligen Kronländern,www.schlosshotels.co.at

Österreich-Information, www.austria.info


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