Die eine fährt gern weg, der andere wäre am liebsten schon dort, ohne wegzufahren.
Das Schönste am Reisen ist, dass für jeden etwas anderes das Schönste ist. Manche lieben etwa die Zeit vor der Abreise, die Vorfreude, das Erstellen von Listen, egal, ob im Kopf oder auf Papier, das sorgfältige Einpacken und die Vorstellung, zu welchen Gelegenheiten das Mitgebrachte benützt wird. Das schöne Kleid für ein besonderes Abendessen, die Taucherbrille fürs Schnorcheln, die Schuhe für den Strandlauf.
Andere haben allein schon beim Gedanken ans Packen Tränen in den Augen. Immer viel zu viel türmt sich da auf dem Bett auf, das muss reduziert werden, dann kommt der Zweifel, was man tut, wenn genau das wichtigste Utensil fehlt. Aus den schönen Stapeln wird ein wilder Haufen Verzweiflung. Und nein, es kann nicht alles an jedem Urlaubsort gekauft werden. Die Kontaktlinsen daheim zu vergessen ist etwa mehr als nur ein kleines Übel, wenn man sechs Dioptrien hat und nur eine zerkratzte Brille im Gepäck.
Für manche ist die Anreise das Schönste: Die spannende Ungewissheit zwischen hier und dort, weil man noch nicht weiß, wie es sein wird. Und noch sind keine Erwartungen enttäuscht. Es sei denn, man hat im Internet schon alles angeschaut und die Strandqualität mittels Satellitenbildern geprüft. Aber auch dann kann es ganz anders werden. Die menschenleeren Strände wurden im Winter fotografiert.
Die Anreise kann aber auch mühsam sein, mit Verspätungen, ausgefallenen Klimaanlagen und fremden Menschen, die ihre Turnschuhe ausziehen. Es gibt viel zu überwinden für die, die zwar nicht gern wegfahren, aber dort, wo sie ankommen, glücklich sind. Und am liebsten bleiben würden. Weil das Problem nicht der Ortswechsel ist, sondern den Ort zu wechseln. Für diese Leute wurde das Beamen erfunden. Leider ist es noch nicht ganz ausgereift.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2016)