Emmanuel Chidi Namdi wurde in der Stadt Fermo von rechten Hooligans erschlagen, als er seine Frau, Chimiary, gegen eine Attacke verteidigte. Italiens Öffentlichkeit zeigt sich schockiert.
Rom. Er trägt einen blauen Anzug, ein blaues Hemd und eine Krawatte. Sie steckt in einem weißen Traum aus Tüll, hält einen weißen Blumenstrauß in der Hand. Sie stehen vor der Kirche in Fermo und strahlen. Emmanuel (36) und Chimiary (24) wollten eigentlich schon in Nigeria heiraten. Doch zwei Wochen vor der Hochzeit entschieden sie sich zur Flucht. Die Terrormiliz Boko Haram wütete in ihrer Heimat. Bei einem Anschlag auf ihre Kirche waren ihre Eltern und ihre Tochter getötet worden.
Kirchlich geheiratet haben sie dann in Fermo in der italienischen Region Marken. Das Hochzeitsbild der beiden ist an diesem Donnerstag auf den Titelseiten fast aller italienischen Zeitungen. Die Trauer, die Empörung, die Verzweiflung sind groß: Emmanuel Chidi Namdi ist am Mittwoch gestorben. Nachdem er und seine Frau am Montagnachmittag von zwei rechten Fußballfans angegriffen worden waren. Einer soll Emmanuel mit einem Pfosten so stark ins Genick geschlagen haben, dass er nach Stunden im Koma seinen Verletzungen erlegen ist. „In Erinnerung an Emmanuel. Gegen Hass, Rassismus und Gewalt“, twitterte Premier Matteo Renzi. Innenminister Angelino Alfano besuchte die Stadt in den Marken, nahm am Ausschuss für Ordnung und Sicherheit teil. „Die Regierung muss sich zu Wort melden, muss sichtbar sein“, hatte Renzi den Besuch angekündigt. Alfano verkündete, der Fußballfan sei festgenommen worden.
Diskussionen im Senat
Während viele Politiker ihrer Trauer und Wut in den sozialen Netzwerken Luft machten, kam es im Senat zu Spannungen. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Lasst uns den Vorfall genau prüfen“, sagt Senator Carlo Giovanardi von der Nuovo Centodestra während des Gedenkens an Emmanuel. Dafür erntet er sofort Protest. „Raus!“, ruft einer, als er das Wort erneut ergreifen will. Auch Matteo Salvini, der Chef der rechten Lega Nord, nutzte den Fall, um seine politischen Forderungen klarzumachen. „Wer einen anderen Menschen tötet, beleidigt oder angreift, gehört bestraft. Punkt“, schrieb er auf Facebook. „Der Nigerianer hätte nicht sterben dürfen. Ich bete für ihn.“ Dann fügt er hinzu: „Es wird immer offensichtlicher, dass die illegale Einwanderung außer Kontrolle gerät, auch der organisierte Ansturm – das bringt nichts Gutes. Kontrollen, Obergrenzen, Respekt, Regeln und Strafen: Verlangen wir zu viel?“
Nicht nur die Politiker, auch die Menschen in den Straßen diskutieren über den Fall. „Es ist so traurig“, sagt Ian Elly Riggundo. Der 26-jährige Jusstudent ist in Rom geboren und aufgewachsen, seine Eltern stammen aus Uganda. Rassismus habe er noch nie erlebt, sagt er. Eine Demonstration gegen rechts, wie sie manche Politiker planen, hält er für sinnlos. „Was soll das bringen? Wir sollten lieber dagegen demonstrieren, dass täglich Menschen im Mittelmeer ertrinken.“
Emmanuel Chidi Namdi und seine Frau haben auch die gefährliche Route über das Mittelmeer genommen. Vor acht Monaten sind sie aus Nigeria über Libyen nach Italien geflohen. Am Montagnachmittag gingen sie im Zentrum von Fermo spazieren, als der spätere Täter und ein weiterer Mann anfingen, Chimiary zu beleidigen. „Affe. Afrikaner. Du bist ein Affe“, sollen sie gerufen und die Frau gestoßen haben. Als Emmanuel ihr zur Hilfe eilt, kommt es zur Schlägerei, die für den Flüchtling tödlich endet. Die Angreifer seien für ihr Verhalten bekannt, heißt es. Die rechten Fans des heimischen Fußballvereins sollen ein vierjähriges Stadionverbot bekommen haben.
Sprengkörper vor Kirchen
„Wir haben nie Probleme gehabt beim Zusammenleben“, sagt Paolo Calcinaro, der Bürgermeister von Fermo. Erst neulich habe er „die Umarmung der islamischen Gemeinde erlebt, die das Ende des Ramadan gefeiert hat“. Ganz so friedlich war es die vergangenen Monate in Fermo aber nicht, wie Don Vinicio Albanesi, Erzbischof von Fermo und Leiter der Unterkunft, in der Emmanuel und Chimiary untergekommen waren, erzählt: Zwischen Februar und März habe es Anschläge auf vier Kirchen der Diözese gegeben. Sprengkörper seien vor den Gotteshäusern platziert worden. Die Pfarrer seien alle sehr engagiert in der Arbeit mit Drogenabhängigen, Flüchtlingen und anderen Minderheiten. „Die glauben“, so Don Albanesi über die Täter, „sie gehören zur arischen Rasse.“ Im Fall des getöteten Emmanuel werde er Nebenklage erheben.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2016)