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Die zwei Prinzessinnen und ihr Sultan

Süleyman
(c) Wikipedia
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Forscher haben in Szigetvár die Stelle gefunden, an der 1566 Süleyman, der Prächtige, starb. Zwei osmanische Prinzessinnen besuchten nun die archäologische Todesstätte ihres Urahns.

Szigetvár. „Also wo starb er noch mal?“, fragt Kenizé Mourad. Sie steht mitten in einer Ausgrabungsstätte, und die Forscher erklären ihr die Bedeutung des Ortes: „Hier war die Moschee. Dort das Kloster. Und hier stand der Türbe, das Mausoleum.“ Eine dunkelgraue Plastikplane deckt den Fund ab, schützt die Mauerreste vor Witterung und Souvenirjägern. Rundherum: Weinreben. Weinberg heißt dieser Ort nahe dem Städtchen Szigetvár in Südungarn. Im Jahr 1566 lagerten hier Sultan Süleyman, der Prächtige, und sein Gefolge, weiter bergab seine riesige Armee, die die Festung Szigetvár belagerte.

Wochenlang wehrten die Verteidiger jeden Ansturm ab. Der bereits greise Sultan war kränklich. Süleyman, der das Reich der Osmanen auf seinen Höhepunkt gebracht hatte, starb vor dem Morgengrauen in der Nacht zum 7. September 1566 in seinem Zelt. Stunden später fielen die Festung und ihre letzten Verteidiger unter Miklós Zrinyi. Der Tod des Sultans wurde von Großwesir Mehmet Sokollu geheim gehalten, um die Truppen nicht zu beunruhigen. Der Leichnam wurde einbalsamiert und unter dem Zelt begraben. Dann, nach 42 Tagen, wieder ausgegraben, um ihn nach Istanbul zu bringen.

 

Herz im goldenen Gefäß

„Und wo lag er genau?“, fragt Mourad. Sie ist eine zierliche Grande Dame in den Achtzigern, deren Bücher in mehr als 30 Ländern erschienen sind. Besonders beliebt sind ihre Werke über die letzten Jahre der Sultane, und das Schicksal ihrer Nachfahren im Exil. Sie ist selbst eine solche Nachfahrin: Süleyman war ihr Urahn.

„Wahrscheinlich hier“, sagt ein Archäologe und zeigt auf die Mitte der von den Mauerresten umrissenen Fläche. Die schützende Plastikplane hängt dort durch, weil darunter ein tiefes Loch klafft. „Grabräuber, habsburgische Soldaten, im 17. Jahrhundert“, sagt Norbert Pap von der Universität Pécs. Er leitet das Forscherteam, das den Türbe im vergangenen Jahr entdeckt hat.

Einer Legende zufolge wurden des Sultans Herz und Innereien in einem goldenen Gefäß am Ort seines Todes vergraben. Die Räuber hofften wohl, Wertvolles zu finden. Die Geschichte mit dem goldenen Topf ist ein Märchen, meint Pap, aber dass Süleymans Innereien entfernt wurden, um den Leichnam haltbar zu machen und den Tod vor den Truppen zu verbergen, könnte stimmen. Auch, dass sie hier vergraben wurden, nur nicht in einem goldenen Gefäß.

Da fällt Mourad ihrer Cousine Mediha Nami Osmanoğlu de Martinez um den Hals, auch sie eine Osmanen-Prinzessin. Einen langen Augenblick lang liegen sich die beiden Nachfahrinnen in den Armen. Sie sind eigens gekommen, um den Ort zu sehen, an dem Sultan Süleyman starb. Später erzählen die beiden älteren Damen vom Leben im Exil – die Dynastie wurde nach der Gründung der modernen Republik des Landes verwiesen.

Es sind Geschichten davon, wie man zu überleben versucht hat durch arrangierte Ehen mit reichen Familien, durch den Verkauf von Familienschmuck, andere Schicksale endeten in bitterer Armut oder gar Selbstmord. „Sie waren zu stolz, um zu betteln und hatten keinen Beruf erlernt“, erzählt Mourad.

Mediha, Urenkelin von Sultan Abdülhamid II., erzählt, wie ihre, also die nächste Generation in allen möglichen Ländern aufwuchs und alle Sprachen lernte, nur nicht die eigene, türkische. Doch zurück zu Süleyman. An seiner Todesstätte wurde ein prächtiges Mausoleum errichtet, daneben eine Moschee, ein Derwisch-Kloster und eine Kaserne. Davor entstand eine kleine osmanische Stadt. Die einzige, von der man in Europa weiß – die Osmanen gründeten sonst keine Siedlungen in den von ihnen eroberten Gebieten. Nach der Rückeroberung durch christliche Armeen wurde der Türbe 1692 abgerissen. Mit der Zeit überdeckte die Natur die Trümmer. Niemand vermochte mehr zu sagen, wo das Mausoleum einst stand.

 

Präsident Erdoğan kommt

Norbert Pap entwickelte eine computergestützte Rekonstruktion der Landschaft von damals. Tatsächlich fand sein Team die Siedlung – es mögen vielleicht 50 Häuser gewesen sein – und den Türbe. Inzwischen ist auch die Moschee frei gelegt, das Kloster sowie ein Teil des Schutzgrabens. Zum 450. Jahrestag der Schlacht von Szigetvár im September haben sich der türkische Staatschef, Recep Tayyip Erdoğan, Ungarns Präsident, János Ader, und vielleicht auch die kroatische Staatschefin, Kolinda Grabar-Kitarović, angekündigt – Festungskommandant Miklós Zrinyi war Kroate.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)