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Orbán will plötzlich ganz viele Migranten

Hungary´s PM Orban arrives on the second day of the EU Summit in Brussels
(c) REUTERS (FRANCOIS LENOIR)
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Die ungarische Regierung, die Migranten als Gefahr für Europas Kultur bezeichnet, möchte mehrere Hunderttausend Gastarbeiter holen.

Budapest. Paradox: Ungarn, das Land das sich einen Namen für seine kategorische Ablehnung von Migranten und Flüchtlingen jeglicher Art gemacht hat, sucht händeringend nach Gastarbeitern. Wirtschaftsminister Mihály Varga erklärte, er unterstütze Forderungen des ungarischen Arbeitgeberverbandes, mehrere Hunderttausend Migranten aus Drittländern außerhalb der EU ins Land zu holen. Die Regierung sei sogar bereit, Arbeitgeber dabei finanziell zu unterstützen, wenn sie Wohnraum für diese Arbeitskräfte schaffen. Besondere Ironie: Der Arbeitskräftemangel ist besonders in solchen Bereichen ausgeprägt, in denen Migranten gut einsetzbar wären, etwa in der Gastronomie.

Ungarn hat ein doppeltes Problem: Es werden nicht genug Kinder geboren, zugleich wandern Hunderttausende meist gut qualifizierte junge Ungarn in westliche Länder wie England oder Österreich ab, um dort mehr Geld zu verdienen. Lang konnte Ungarn dies durch Einwanderung ethnischer Magyaren aus Nachbarländern wie Rumänien ausgleichen. Dies zu fördern war auch Ziel der Staatsbürgerschaftsreform der Orbán-Regierung, die es Auslandsungarn ermöglichte, den ungarischen Pass zu erwerben.

Diese Zuwanderung hat aber längst aufgehört. Wer aus diesen Ländern wegzieht, geht gleich weiter in reichere Länder. Deswegen bat Orbán seine Experten zu Beginn seiner zweiten Regierungszeit, Pläne zu erarbeiten, wie man qualifizierte Migranten ins Land bringen könnte. Es wurde nicht an die große Glocke gehängt, aber es wurde getan – etwa über Stipendien für ausländische Studenten. Besonders aus dem Libanon und der Türkei gab es dafür Interesse, sagt ein früherer hochrangiger Mitarbeiter der Balassi-Kulturinstitute im Ausland. Eine andere Aktion war, koptische Christen nach Ungarn zu holen – das bestätigten sowohl Orbán selbst als auch Zoltán Balog, Minister für Humanressourcen.

 

„Kulturell integrierbar“

Warum dann die hartnäckige Weigerung, in der Flüchtlingskrise ein paar Tausend Migranten aufzunehmen? Erstens geht es ums Prinzip: Orbán signalisierte im vergangenen Jahr durchaus Bereitschaft, Migranten freiwillig aufzunehmen – nur nicht im Rahmen eines EU-Zwangsmechanismus. Zweitens will man, so Minister Varga, „kulturell integrierbare Gastarbeiter“, was wohl „keine Muslime“ bedeutet. Drittens: Die harte Linie gegen Migranten und Brüssel bringt Wählersympathien. Deswegen nennt man jene Migranten, die man nun anlocken will, eben Gastarbeiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)