Seefestspiele Mörbisch: Ein herrlicher Operettenkitsch!

PREMIERE SEEFESTSPIELE M�RBISCH
PREMIERE SEEFESTSPIELE M�RBISCH(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Dagmar Schellenberger erfreut als Gräfin in „Viktoria und ihr Husar“ von Paul Abraham. Regisseur Andreas Gergen sorgt für üppiges Schauvergnügen.

Sziasztok! Grüß Gott! Auf der Seebühne in Mörbisch begegnen Sie heuer sämtlichen Ungarn-Klischees: Mädchen mit Glockenröcken und Blumenkränzen, Herren in Husaren-Uniform; der betrunkene Bürgermeister küsst die Bräute, eine Erinnerung an das feudale „Recht der ersten Nacht“, kurzum: „Nur ein Ungarn gibt es auf der Welt!“ „Viktoria und ihr Husar“ von Paul Abraham, 1930 in Budapest, Leipzig und im Theater an der Wien zu sehen, war ein Sensationserfolg. Abraham, 1892 in der Batschka geboren, musste vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen, wo er trotz seiner Talente als musikalischer Allrounder mit Faible für Jazz nicht landen konnte. Er wurde infolge von Syphilis geisteskrank und starb 1960.

Obwohl 1930 für Abraham noch alles in Ordnung war, erzählt „Viktoria und ihr Husar“ auch viel von Wehmut und Heimweh. Das Publikum der Zwischenkriegszeit litt nach dem Zerfall der Monarchie unter „Phantomschmerzen“. In den guten alten Zeiten, die natürlich gar nicht gut waren, bevölkerten raue Soldaten, ehrliche Diener und noble Herrschaften die Welt – und zwar die ganze. Globalisierung gab es eben schon immer, sie sieht nur immer wieder anders aus.

Musikalische Weltreise

Die Operette lädt zur „Weltreise“ nach Japan, St. Petersburg oder Wien, eine Prise Paris und USA müssen auch sein. Das junge Medium Film ermöglichte weite Ausflüge im Kopf. Der Plot: Die ungarische Gräfin Viktoria ist mit dem US-Gesandten John Cunlight verheiratet. Sie liebt jedoch Rittmeister Koltay – und er sie. Doch in den Wirren des I. Weltkriegs verlieren die beiden einander. Viktoria hält Koltay für tot. Doch eines Tages steht er vor ihr. Cunlight ahnt bald, dass er seine Viktoria verlieren wird. . . .

Der Salzburger Operndirektor Andreas Gergen, aus Wien als Musicalregisseur bekannt, hat inszeniert. Jetzt könnte man sagen: Schon wieder, der viel beschäftigte Gergen. Aber er macht seine Sache sehr gut. Es ist keine Kleinigkeit, ein solches Riesenensemble mit Mikroports zu lenken, speziell wenn das Orchester im Saal untergebracht ist. Auch Dirigent David Levi erweist sich als ein Meister der Koordination. Abrahams Melodien-Repertoire ist nicht so reich wie das eines Johann Strauß, aber moderner. Ein Blickfang sind die großen Chor- und Tanz-Szenen. Japanerinnen trippeln, Revue-Girls schwingen die schönen Beine, zum herzig-frivolen Schlager „Mausi, süß warst du heute Nacht!“ werden Mäusemasken geschwenkt, auf der Rückseite steht: „Ha-Ha!“ Oh Gott? Nein, das ist eben hier Gergens spezielles Talent. Wir alten Operettenfans, die mit „Lippen schweigen“ und „Ich küsse ihre Hand, Madame“ aufgewachsen bzw. romantisch sozialisiert worden sind, müssen uns heute an Solitäre wie Max Raabe halten.

Zauberhaftes Dienerpaar

Gergen zeigt ein rundes Riesenspektakel, das amüsiert und rührt. Obwohl die Stimmen, soweit es durch die Mikros zu beurteilen ist, teilweise durchschnittlich wirken. Umso lebhafter ist das Spiel. Den Spagat zwischen Akrobatik und Singen schaffen am tollsten: Andreas Sauerzapf als Janczi, Koltays Bursche, und Katrin Fuchs als Riquette, Viktorias Zofe. Dagmar Schellenberger gefällt als gemütvolle Gräfin und hat den ungarischen Zungenschlag perfekt einstudiert.

Michael Heim hat die schönste Stimme– und ist ein idealer Rittmeister, heißblütig und selbstsicher. Andreas Steppan zeigt alle Tugenden des guten Amerikaners: Mutig tritt er dem Feind entgegen, schützt seinen Rivalen und verwöhnt seine schöne Ehefrau mit Großzügigkeit. Peter Lesiak als Viktorias Bruder und seine japanische Braut (Verena Barth-Jurca) geben charmant den Schlager „Meine Mama war aus Yokohama“ (klingt leider eher wie „Yokohammer“) zum Besten.

Die Russen sind undurchdringlich, die Japaner zeremoniös. Zu Beginn ist ein Wachturm aus der Zeit vor der Wende zu sehen, dann rollen knallrote Pavillons mit Lampions auf die Szene, ein goldener Buddha wackelt mit dem Kopf, im Doppeldecker kehrt die Gräfin in ihr Heimatdorf zurück.

Diese Aufführung hat etwas kindlich Naives, sie möchte uns verführen, so zu tun, als würden wir das erste Mal eine Operette sehen – und das gelingt durchaus bis zum fulminanten Feuerwerk am Ende der Premiere Donnerstagabend. Bei dieser blieben wegen des Fußballspiels viele Plätze leer. Aber vielleicht wird es ja noch was mit einem österreichisch-ungarischen Freundschaftsspiel der etwas anderen Art am malerischen Neusiedler See. Die Esterházy-Stiftung, ein mächtiger Player in Burgenlands Kultur, positioniert St. Margarethen mit dem „Liebestrank“ heuer für ein jüngeres und „Viktoria“ in Mörbisch für ein älteres Publikum, ein möglicher Weg, die Überkapazitäten an Plätzen, die in den vergangenen Jahren geschaffen wurden, zu füllen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)

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