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Diabetestherapie digital begleiten

A person receives a test for diabetes during Care Harbor LA free medical clinic in Los Angeles
(c) REUTERS (Mario Anzuoni)

Eine neue Software aus Graz hilft, den Blutzucker von Patienten im Krankenhaus besser zu managen. Denn dort verändert sich der Stoffwechsel, die benötigte Insulinmenge schwankt.

In Österreich gibt es derzeit ungefähr 600.000 Diabeteskranke. In 85 bis 90 Prozent der Fälle handelt es sich um sogenannte Diabetes-Typ-2-Patienten, also um Altersdiabetes. Kein Wunder also, dass 20 bis 25 Prozent der Krankenhauspatienten an Diabetes leiden. Ein nicht zu vernachlässigendes Phänomen, wenn man bedenkt, dass diese Patienten ja nicht nur auf der endokrinologischen Station, also der Abteilung für Hormonerkrankungen, liegen, sondern auf alle Abteilungen wie die chirurgische, neurologische oder geriatrische verteilt sind.

Zu Hause übernehmen die Patienten selbst die Behandlung ihrer Zuckerkrankheit. Doch im Spital fällt dies in den Zuständigkeitsbereich der Ärzte und des Pflegepersonals. „Die Blutzuckereinstellung ist dann eine Aufgabe unter vielen im komplexen Krankenhausbetrieb, und trotz beträchtlicher Anstrengungen werden die medizinisch empfohlenen Blutzucker-Zielwerte meist nicht erreicht“, erklärt Peter Beck, Geschäftsführer der Decide Clinical Software GmbH. Er war an der Entwicklung des neuartigen Blutzucker-Managementsystems GlucoTab beteiligt. Decide ist ein Spin-off der Joanneum Research und der Med-Uni Graz am Zentrum für Wissens- und Technologietransfer (ZWT) – einem in Österreich einzigartigen Zentrum für Life-Science-Unternehmen, das direkt in einen Uni-Campus integriert ist.

GlucoTab ist eine Software, die Ärzte und Pflegepersonal bei der Diabetesbehandlung unterstützt, automatisch eine Insulindosierung errechnet und Arbeitsabläufe verbessert: Was ist bei welchem Patienten wann zu tun, damit ja nichts vergessen wird?

Jeden Tag bei der Visite wird aufgrund der Messwerte der vergangenen 24 Stunden eine Insulinmenge für den nächsten Tag empfohlen, bei jeder Insulingabe wird die Dosis abhängig von Blutzuckerwert und Nahrungsaufnahme individuell berechnet. Entwickelt wurde die Software gemeinsam mit Joanneum Research und der Med-Uni Graz in nationalen und EU-Förderprojekten.

 

Alltag im Krankenhaus

Durch den Krankenhausaufenthalt – sei es dadurch, dass die Zuckerkranken ihren normalen Tagesablauf wie das Essverhalten und die Bewegungsdauer umstellen müssen oder sei es durch ärztliche Eingriffe und Medikamentengaben – wird der Stoffwechsel des Patienten verändert. Der Blutzuckerspiegel und die damit einhergehende benötigte Insulinmenge schwanken. Darauf muss in der Therapie reagiert werden, auch wenn der Patient vordergründig wegen eines ganz anderen körperlichen Problems im Spital ist.

„GlucoTab soll die Arbeit des Krankenhauspersonals erleichtern“, so Beck. Die Entwickler haben sich für einen mobilen Ansatz entschieden. Die Software kann sowohl auf Tablets direkt am Patientenbett als auch auf PCs in Verbindung mit bestehenden Krankenhaus-IT-Lösungen eingesetzt werden. Sie ist direkt mit dem Labor und dem digitalen Datenblatt des Patienten verbunden. „Damit stellen wir einen transparenten Ablauf sicher. Das gesamte behandelnde Personal des Patienten hat jederzeit darauf Zugriff.“

Aber GlucoTab hilft auch bei der optimalen Insulindosierung. Es ist bekannt, dass die Spitalsaufenthalte von Diabeteskranken rund um die Hälfte länger dauern als normal. Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen Diabetes und einem erhöhten Komplikationsrisiko. Eine optimierte Insulingabe könnte die Aufenthaltsdauer reduzieren und die Zahl an Infektionen senken.

 

Gefährliche Unterzuckerung

„Unterzuckerungen sind potenziell gefährlich und können sogar zum Tod führen, daher geben Ärzte und Pfleger häufig weniger Insulin, weil sie unsicher sind“, so Beck. Damit nimmt man aber ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie Infektionen nach Operationen in Kauf. Das soll GlucoTab vermeiden. „Klinische Studien bestätigten, dass der durchschnittliche Blutzucker bei der Therapie mit GlucoTab rund 20 Prozent geringer war als bei einer konventionellen Therapie“, sagt Beck.

Die klinischen Studien basieren auf Daten von über 200 Patienten. Die Software ist mittlerweile am Uniklinikum LKH Graz auf vier Stationen im Routinebetrieb. Andere Krankenhäuser haben schon Interesse bekundet. „Unser Unternehmen konzentriert sich momentan auf die Vermarktung von GlucoTab für das Krankenhaus. Wir denken aber über eine Ausweitung des Systems auf Pflegeheime und Hauskrankenpflege nach“, erklärt der Decide-Geschäftsführer.

LEXIKON

Rund 366 Millionen Diabeteskranke gibt es weltweit, 53 Millionen davon in Europa. 90 Prozent leiden an Diabetes Typ 2 , an Altersdiabetes, der oft vom Lebensstil mitverursacht ist. Falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht, Bluthochdruck und erhöhte Fettwerte fördern die Entwicklung dieser Stoffwechselstörung.

GlucoTab wurde mit dem Salus-Preis 2015, dem Steirischen Qualitätspreis für Gesundheit, ausgezeichnet. Entwickelt wurde GlucoTab von einem Forscherteam am ZWT (Zentrum für Wissens- und Technologietransfer) in Graz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)