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Was ist gute Malerei?

Zwei Nackte zwischen toten Kaninchen: Sanam Khatibi sucht in „With tenderness and longing“ die Brechung.
Zwei Nackte zwischen toten Kaninchen: Sanam Khatibi sucht in „With tenderness and longing“ die Brechung.Courtesy Christine König Galerie
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Nichts ist auf dem Kunstmarkt so gefragt wie gute Malerei. Was sind die Qualitätskriterien dafür? Eine Spurensuche in zwei Wiener Galerien.

Schon so oft wurde sie totgesagt und lebt heute besser denn je: die Malerei. Es ist das schwierigste künstlerische Medium und zugleich das beliebteste. Galerien sind ständig auf der Suche danach, denn nichts ist auf dem Kunstmarkt so gefragt und so selten wie gute Malerei. Aber was sind die Kriterien dafür, wann beginnt das Spiel mit Formen und Farben von hübscher Dekoration in qualitätsvolle Kunst umzuschlagen? Gerade widmen zwei Wiener Galerien den Tafelbildern ihre Sommerausstellung – ob die Profis Gründe für gute Malerei nennen können?

„Three Paths to the Lake“ heißt die Schau in der Galerie Martin Janda. Die Werke der sieben Künstler kreisen um die Frage, welche Rolle die sichtbare Welt in der Malerei spielt. Mit der westlichen Avantgarde wurden erst die akademischen Traditionen, dann der Gegenstand und zuletzt das Können gekippt. So steht für Maler heute alles offen, was umgekehrt bedeutet, dass erst einmal das Grundsätzliche zu klären ist: Was soll wie auf die Leinwand gebracht werden, in welcher Technik, mit welchem Anspruch? Benjamin Butler hat eine konsequente Antwort gefunden: Er malt Äste, Bäume, Wälder – aber eigentlich ist das Sujet unwichtig. Es ist nur Anlass für Malerei, für einen wunderbaren Tanz aus Farben und Formen. Janda nennt es „ein enges Korsett, das Butler malerisch variiert, ohne erzählerisch zu werden“ (ab 4900 Euro) – die Nähe zur Wirklichkeit ist hier nur eine Fußnote. Ähnlich ist es bei Jan Merta. Auf einem Bild erkennen wir einen Fuß, der auf etwas tritt. Aber die raumlose, grüne Fläche davor zerbricht diesen Verweis auf eine außerbildnerische Wirklichkeit, auch wenn man noch immer „eine Gewalt in dem Bild spürt“, wie Janda erklärt (6800 Euro).

Sind es die Emotionen, die für gute Malerei sprechen? Auch in Svenja Deiningers Werk erleben wir eine Kraft, die hier von einem ungegenständlichen Bild ausgeht: Die mit spitzen Ecken und weichen Kurven geformte Leinwand ist nur mit farbigen Streifen bemalt (15.900 Euro). Und doch hat es in seiner Abstraktion eine bemerkenswerte Aggressivität, die einen realen Freiraum um das Bild herum erzwingt. Dezidiert im Bild bleibt Maja Vukoje, die in „Kiwano“ das Keilrahmenkreuz der Leinwand bildwirksam macht, indem sie die Schale der Frucht auf einer semitransparenten Leinwand malerisch um das Rahmenholz herumdreht (10.000 Euro). Kommt zum Kriterium der Emotionen also noch der Anspruch, die physische Wirklichkeit in den Bildraum zu flechten?


Frauen malen nicht gut? Auch in der Christine König Galerie ist die Spannbreite weit – treffen wir dort auf ähnliche Ansatzpunkte für Kriterien? Ausgangspunkt von „Summer in the city“ ist ein Zitat von Georg Baselitz, der 2010 behauptete: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt.“ Um den Gegenbeweis anzutreten, wählte König zusammen mit Robby Greif 13 Malerinnen aus, deren Bildsprachen in einer „seltsamen Uneinheitlichkeit“ (König) von figurativ bis abstrakt reichen. Gleich im Eingang prallt die akademische Malerei von Sanam Khatibi mit zwei Nackten in einer arkadischen Landschaft (9000 Euro) auf Marlen Letetzkis asiatisch reduzierte Bilder mit feinen Farbnuancierungen (2500 Euro) und das brachiale Motiv eines düsteren Stiegenabgangs von Lea Asja Pagenkamper (11.000 Euro).

Lea Asja Pagenkamper studierte bei Baselitz. Sie stellt ihre Sujets zwar nicht wie ihr Lehrer auf den Kopf, bedient sich aber auch der verlaufenden Farbspuren – hier wird die Diskrepanz zwischen physischer und Bildwirklichkeit betont. Auch Khatibi sucht eine Brechung, wenn sie die Idylle der Nackten mit aufgehängten Kaninchen kombiniert. Ohne jegliche Erzählung kommt Flora Hauser in ihren unglaublich filigranen Linienbildern aus (6400 Euro). Und Katherina Olschbaur spielt mit den Lichtreflektionen auf einer Vitrine (4500 Euro), um die vielen Ebenen der Wahrnehmung und Räume ins Bild zu holen.

Was also ist gute Malerei, wenn so viel möglich ist? „Das ist für jeden etwas anderes“, erklärt Greif. Auch Janda kann keine klaren Kriterien nennen. „Inhalt, Form, Farbe – alles muss zusammenspielen. Es gibt keine Vorgaben, was erfüllt werden muss, um von guter Malerei zu sprechen.“ Schaut man sich die beiden Malereiausstellungen an, kann man zumindest zwei Kriterien aufstellen: Gute Malerei beginnt bei spannungsvollen Bildfindungen, die sich nicht mit einem 1:1-Abbilden der sichtbaren Wirklichkeit begnügen. Gute Malerei schafft einen (Bild-)Raum, den wir ähnlich intensiv erleben können wie unsere physische Wirklichkeit. Und dann ist es sicher noch hilfreich, wenn über die Werke mehr gesagt werden kann als nur, was in welcher Technik abgebildet ist. Das bestätigt auch Janda: „Der Druck für Maler ist heute sehr groß, sich in einen Diskurs einzubringen.“ Um von Kunden und Kuratoren geschätzt zu werden, müsse heute auch das, „was im Hintergrund des Malens stattfindet, thematisiert werden“.

Ausstellungen

Summer in the city. Christine König Galerie, Schleifmühlgasse 1A, bis 30. 7.

Three Path to the Lake. Galerie Martin Janda, Eschenbachgasse 11, bis 23. 7.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2016)