Pop

Rauch auf dem Wasser im Schlosspark

MOSCOW RUSSIA JUNE 2 2016 Steve Morse Ian Paice and Roger Glover L R of the English rock gr
MOSCOW RUSSIA JUNE 2 2016 Steve Morse Ian Paice and Roger Glover L R of the English rock grimago/ITAR-TASS
  • Drucken

Deep Purple erinnerten bei „Lovely Days“ in Eisenstadt an eine Zeit, in der Solos noch lang dauern durften.

Im ostösterreichischen Popsommer 2016 ist einiges anders als gewohnt. Das unbestritten schönste Festivalgelände, das im burgenländischen Wiesen, wird, nachdem Veranstalter Ewald Tatar aus unerfindlichen Gründen gekündigt wurde, von einer anderen Agentur (Arcadia) bespielt, deren Programm ist nicht so berühmt. Tatar musste seine bewährten Festivals übersiedeln: „Harvest of Art“ etwa fand am Freitag in der Wiener Marxhalle statt. So großartig das Konzert von PJ Harvey war (wir berichteten am Sonntag), der Ort enttäuschte. Die optisch strenge, akustisch schwierige Ex-Schlachthalle eignet sich wohl für herbstliche Post-Punk-Konzerte oder winterliche Techno-Raves, nicht aber für ein sommerliches Festival: Die Blumen, die die nette Tel Aviver Späthippieband Lola Marsh an den Mikroständern hatte, wirkten traurig deplatziert; und draußen staubte es arg.

Viel besser bewährt hat sich der Schlosspark in Eisenstadt, wo am Samstag die „Lovely Days“ stattfanden: Der leicht hügelige Park, mit Wasser, wenn auch (leider) ohne Schwimmbecken, erinnert an ein Freibad, man kann unter Bäumen rasten, viele haben Decken mitgebracht, der eine oder die andere soll auch das Zauberwort „Woodstock“ geflüstert haben, nicht nur, weil die erste Band des Abends, Ten Years After, einst auch bei der Mutter aller Freiluftfestivals aufgetreten ist. Wenn auch in etwas anderer Besetzung.

Ian Anderson rang nach den Tönen

Aber man soll nicht keppeln. Schon gar nicht über Seiler und Speer, die einzigen Österreicher beim Festival. Sie haben sich wohl noch nie so minderjährig gefühlt wie dort, wo viele wissend mitraunten, wenn es auf der Bühne hieß: „So jung komm' ma nimmermehr z'samm . . .“

Ein wenig traurig wurde es dann, als Ian Anderson das Repertoire seiner Exband Jethro Tull spielte. Instrumental tadellos – eine Vorliebe für ordinäre E-Gitarren hatte er ja immer schon –, er selbst brillierte an der Flöte, schmeichelnd, spuckend und knurrend, besonders bei seiner Variation über die Bourrée in e-Moll von J. S. Bach. Leider nicht singend: Die Melismen, das heftige Vibrato, das den Reiz von Songs wie „Thick As a Brick“ oder „Nothing Is Easy“ ausmacht, schafft er nicht mehr. Man hörte und sah ihn nach den Tönen ringen, atmete mit ihm auf, als das finale „Locomotive Breath“ vorbei war.

Ähnlich erleichtert war man, als bei Deep Purple schnell klar war: Hier beherrschen noch alle ihr Handwerk bzw. Mundwerk. Ian Gillan kreischte den „Highway Star“, als müsse er noch gasgebend vor den Mädchen balzen, Don Airey ließ die Orgel brüllen, Roger Glover den Bass toben, Steve Morse die Gitarre jubeln. Dass das alles nicht nur Hardrock-Protzerei ist, ist nicht zuletzt Schlagzeuger Ian Paice zu verdanken: Er rollt mehr, als er rockt, jeder Schlag federt bei ihm ein wenig.

So zeigten sich auch alte Schlachtrösser wie „Space Truckin'“ und „Smoke on the Water“ geradezu elegant, und man ertrug sogar die minutenlangen Virtuositätsvorführungen mit einem Lächeln: So viel aus der Popgeschichte feiert sein Comeback, aber die ausgedehnten Solos und die Klassikzitate findet man (bisher) nur im Popmuseum. Und dort besucht man sie von Zeit zu Zeit gern, besonders im Park vor dem schönen Schloss der Esterházys.

KOMMENDE FESTIVALS

Out of the Woods, mit Two Doors Cinema Club, Tocotronic u.a.: Wiesen, 15. und 16. Juli.
Hip Hop Open Austria, mit Beginner, Sido, De La Soul u.a.: Wiesen, 22. und 23. Juli.

Summerville, mit Zaz, Damien Rice, Peter Doherty u.a.: Wiesen, 12. und 13. August.
Frequency, mit Bilderbuch, Parov Stelar, Die Antwoord, Limp Bizkit, Paul Kalkbrenner, Massive Attack u.a.: St. Pölten, von 17. bis 20. August.

And There Come the Wolves, mit Sum 41, Millencolin u.a.: Wiesen, 22. und 23. August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2016)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.