"Mein Praktikum in Kanada": Im Dickicht der Demokratie

Politiklehrling: Irdens Exantus als Souverain Pascal mit Patrick Huard als Berufspolitiker.
Politiklehrling: Irdens Exantus als Souverain Pascal mit Patrick Huard als Berufspolitiker.Thimfilm
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Kann man als Volksvertreter „richtige“ Entscheidungen treffen? Hilft die direkte Demokratie? Damit befasst sich die Politsatire „Mein Praktikum in Kanada“.

Winston Churchill sagte einmal, dass die Demokratie die schlechteste Staatsform sei – ausgenommen alle anderen. Diesen Satz könnte man Philippe Falardeaus Politsatire „Mein Praktikum in Kanada“ (im Original: „Guibord s'en va-t-en guerre“) als Motto voranstellen: Der Film präsentiert demokratischen Alltag bei aller Sympathie für den ihm zugrunde liegenden Wertekanon als widerborstiges Interessengestrüpp, dessen Dickicht die Sicht auf das Wesentliche ebenso versperrt wie den Weg zum gemeinsamen Handeln. Die Diskrepanz zwischen politischem Ideal und Realpolitik manifestiert sich schon im Protagonistenpaar: Der ehrgeizige junge Haitianer Souverain Pascal kommt mit Rousseau, Tocqueville und Montesquieu im Gepäck in die kanadische Provinz Québec, um beim unabhängigen Parlamentsabgeordneten Steve Guibord (gespielt vom Komiker Patrick Huard) als Assistent in die Lehre zu gehen. Dieser hat mit Theorie wenig am Hut, die prosaischen Pflichten eines lokalen Berufspolitikers nehmen ihn voll in Anspruch. Weil er Flugangst hat, tuckert er mit dem Kleinwagen durch seinen (fiktiven) Wahlkreis Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes, stets darum bemüht, es allen recht zu machen, immer im Bewusstsein seiner relativen Machtlosigkeit auf Bundesebene – bis er sich in einer zentralen Entscheidungsposition wiederfindet. Bei einer Abstimmung darüber, ob Kanada sich an einem Krieg im Nahen Osten beteiligen soll, wird sein Votum zum Zünglein an der Waage. Plötzlich trägt er tatsächliche politische Verantwortung – ohne zu wissen, wie man damit umgeht.

Die folgenden Probleme sind universell genug, um die Handlung trotz regionaler Details nachvollziehbar zu machen. Falardeau überträgt die Spaltung der Nation ins Familiäre: Guibords Gattin ist für den Auslandseinsatz, seine Tochter dagegen. Auf Anraten Souverains und aus Angst, eine der beiden zu verärgern, greift der Unentschlossene zur direkten Demokratie. Eine Volksbefragung soll Klarheit schaffen, aber natürlich schafft sie das genaue Gegenteil. Alle möglichen Interessengruppen kämpfen um die Gunst der Wähler. Friedensaktivisten führen einen einbeinigen Afghanistan-Veteranen ins Feld, der Bürgermeister verspricht seiner Gemeinde Hochkonjunktur im Falle einer Kriegsbeteiligung. Dabei ist die Bevölkerung mit völlig anderen Dingen beschäftigt: Ein Konflikt zwischen indigenen Protestgruppen und den Arbeitern eines Sägewerks droht, die örtliche Wirtschaft komplett zum Stillstand zu bringen.

Unmoralische Angebote

Man könnte dem Film mangelnde Stringenz vorwerfen – die Bestrebung, zugleich ein politisches Panorama Kanadas zu entwerfen und die Unzulänglichkeiten moderner Demokratien zu erklären, lässt ihn narrativ aus dem Ruder laufen. Darunter leidet auch der Humor. Wirklich witzig sind nur seltene Momente der Zuspitzung, etwa als Guibord in die Luxusresidenz des Premierministers zitiert wird, wo ihm dieser Scarlatti-Sonaten vorspielt und unmoralische Angebote macht.

Aber in gewisser Hinsicht ergibt das Sinn – schließlich ist die Perspektive Falardeaus, der einst Politikwissenschaften studiert hat, ungeachtet der Lockerheit seiner Inszenierung ziemlich pessimistisch: Die Strukturen der Gesellschaft sind derart komplex, dass es fast unmöglich ist, als Volksvertreter „richtige“ Entscheidungen zu treffen. Daran, dass der Regisseur seinen Glauben an die Demokratie dennoch nicht verloren hat, erinnert eigentlich nur die mit sprechendem Namen ausgestattete Figur Souverains, der seine Verwandten in Port-au-Prince per Skype auf dem Laufenden hält und die Stabilität des kanadischen Staates preist – eine Erinnerung daran, dass auch die „schlechteste Staatsform“ keine Selbstverständlichkeit ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2016)

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