Amerikas Waffensucht schafft schießwütige Polizisten

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TOPSHOT-US-CRIME-POLICE-SHOOTINGAPA/AFP/KENA BETANCUR
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Rassismus allein erklärt nicht die jüngsten Tötungen in Louisiana, Minnesota und Dallas. Schwerer wiegen die vielen Waffen und der Psychiatrienotstand.

Die schlimmen Ereignisse der vergangenen Woche, beginnend mit der Erschießung der Afroamerikaner Alston Sterling in Baton Rouge und Philando Castile in Falcon Heights durch weiße Polizeibeamte am Dienstag und Mittwoch und endend mit dem Mord an fünf weißen Polizisten in Dallas durch den schwarzen Rassisten Micah Xavier Johnson, dürfen von dem enormen Fortschritt nicht ablenken, den die amerikanische Gesellschaft im vergangenen halben Jahrhundert in der Aufarbeitung der Sklaverei und Entrechtung der Schwarzen gemacht hat.

Der Präsident ist schwarz, ebenso wie die Justizministerin und ihr Vorgänger, eine wachsende Zahl führender Köpfe in der Unternehmenswelt und Kultur. Wer heute in Städte des „New South“ reist, nach Savannah, Durham oder Charleston, findet prosperierende, multiethnische Urbanität vor, wo vor 50 Jahren Schwarze und Weiße nicht einmal dieselben Toiletten benutzen durften. Auch die Vorstellung, in der schwarzen Unterschicht koche klassenkämpferischer Zorn, ist falsch. Wenn man arme Amerikaner fragt, wie zufrieden sie in fünf Jahren mit ihrem Leben zu sein gedenken, zeigen sich Schwarze am optimistischsten, ergab die Auswertung einer Gallup-Umfrage durch Carol Graham von der Brookings Institution.

Natürlich gibt es in den USA wie in jeder Gesellschaft Rassismus. Doch nur dumpfe Hinterwäldler trauen sich heute noch, offenen Hass gegen Menschen anderer Hautfarbe zu äußern. Das heißt nicht, dass die Segregation Schwarzer und Weißer überwunden ist. Im Gegenteil: Vor allem in den florierenden Städten treibt die Gentrifizierung und Verteuerung schicker Bezirke die Armen (und mehrheitlich Schwarzen) weg. Und so mancher linksliberale Weiße wird rasch unwirsch, wenn sein Schulbezirk plötzlich mehr schwarze und hispanische Kinder aufnimmt (man spricht dann, politisch korrekt, von der Sorge vor sinkenden Testergebnissen).

Der Eindruck, amerikanische Polizisten würden wöchentlich schwarze Männer über den Haufen schießen, hat andere Gründe. Der wichtigste ist jener Umstand, den man nur als Waffensucht bezeichnen kann. Kein anderes Volk ist so schwer bewaffnet: Rund 357 Millionen Schusswaffen gibt es heute in den USA, um 40 Millionen mehr, als Menschen hier leben. Dabei ist die Zahl der bewaffneten Haushalte in den vergangenen zwei Jahrzehnten gesunken. Laut Forschern der Universität Chicago besaßen im Jahr 2015 rund 31 Prozent der US-Haushalte zumindest eine Schusswaffe. Ende der Siebzigerjahre hingegen waren das noch mehr als 50 Prozent. Doch während die Mordrate allein von 1993 bis 2009 von 9,5 auf fünf Fälle pro Hunderttausend Menschen sank, gibt es heute fast doppelt so viele Waffen wie Anfang der Neunzigerjahre.

Das entschuldigt jene Polizisten nicht, die allzu rasch zur Dienstwaffe greifen. Es erklärt aber die Nervosität vieler Beamter: Sie müssen damit rechnen, dass jeder, den sie anhalten, auf sie schießen könnte (auch Castile und Sterling trugen Pistolen mit sich). Und es ist der Grund, wieso Amerikas Polizeichefs dafür plädieren, den Besitz von Schusswaffen einzuschränken.

Verschärft wird das Waffenproblem durch den Notstand in der amerikanischen Psychiatrie. Johnson, der Polizistenmörder von Dallas, war laut Behördenangaben mit großer Wahrscheinlichkeit geisteskrank. Wer als Europäer in amerikanischen Städten den Eindruck hat, hier liefen viel mehr Irre auf der Straße herum als daheim, hat recht. Laut neuer Studie des Treatment Advocacy Center stehen in den USA umgerechnet nur sechs Psychiatriespitalsbetten pro 100.000Menschen bereit. Im OECD-Durchschnitt sind es 68 pro 100.000. Allein in den jüngsten fünf Jahren wurde knapp ein Fünftel der US-Betten eingespart. Wer in Seelennot gerät, landet schnell auf der Straße – und kann sich leicht bewaffnen.

Kann man diese Probleme lösen? Schwer, selbst bei gutem Willen, der im US-Kongress Mangelware ist. Beide Politikfelder fallen in die Zuständigkeit der Teilstaaten. Dort muss das Umdenken beginnen. Weniger Waffen, mehr ärztliche Hilfe für seelisch Kranke: So ließen sich schlimme Zwischenfälle wie jene der vergangenen Woche reduzieren.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2016)

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