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Was ich lese: Robert Schindel

Schriftsteller, 1944 in Bad Hall geboren, lebt in Wien

Bücher können allerlei anrichten. Viele ärgern einen, sie mögen intensiv öde sein, manche haben unter 400 Seiten 20 interessante. Sie amüsieren gelegentlich. Selten gibt es Bücher, die einen laben.

Lesen Sie das neue Buch von Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern (Suhrkamp Verlag). Das labt. Der Titel geht auf die letzte Zeile des Sonetts „Archaischer Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke zurück.

In der Tat: Schon während ich dieses Buch las, erfasste mich eine köstliche Unruhe: Ich liege, dachte ich beim Lesen, eigentlich nur noch so herum in meinem Leben. Dies hab ich geschrieben, das habe ich gemacht, um nicht zu sagen, vollbracht, dort ist meine Gewohnheit, drüben liegen die vergessenen Wünsche, da vor meinem Bauch schlängelt sich mein Lebensweg sanft abwärts hin zu den dunklen Gewässern. Das war also bereits alles?

Sloterdijks Buch behandelt die Anthropotechniken, die Übungserfahrungen der modernen Gesellschaften, heraufgeleitet von Buddha und Sokrates, den großen Alten. Ein Orchester, vollbesetzt mit Asketen, Artisten, allesamt verkleidet als Dichter wie Kafka oder Philosophen wie Nietzsche, und Wittgenstein musiziert eine prachtvolle Symphonie, deren Anfangs- und Schlussakkord beginnt und endet: Du musst dein Leben ändern.

Das wirft einen aus dem Schaukelstuhl. Es ist doch wahr: Heraus aus den selbst konstruierten Apparaturen der Routine im Denken und Handeln. Die Goiserer angezogen, und hinauf auf den Monte Improbable. Scharfer Wind, ungewisser Verlauf. Doch allein der Gedanke labt.
ÜBUNG (Für Peter Sloterdijk):
Wer das Unmögliche / Nicht will / Dem wird das Mögliche / Unmöglich. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2009)