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„Julie & Julia“: Gallenzwicken mit Streep als Matrone

(c) Sony
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„Julie & Julia“ von Nora Ephron, enttäuschende Mainstream-Kochshow. Ab 4. September im Kino.

„Ich bin eine Schauspielerin, die nach der Arbeit nach Hause geht.“ Das war so einer dieser Sätze von Meryl Streep (60), die wir geliebt haben: Eine Hollywood-Diva nach dem Geschmack nicht mehr ganz junger, emanzipierter Damen: sehr tüchtig, sehr erfolgreich (zwei Oscars, 15 Nominierungen), aber nicht korrumpiert vom Starrummel.

Julie & Julia, der neueste Streep-Streifen, passt da nicht ins Bild: eine Geschichte wie von der Marketingabteilung designed. Julie Powell (30), glücklich verheiratet, gelangweilt in ihrem Job, kocht ein Jahr lang die üppigen Rezepte von Julia Child nach, die, ebenfalls glücklich verheiratet, im Nachkriegsamerika die französische Küche lancierte. Nach großen Schwierigkeiten, die sich stets auf wundersame Weise auflösen, fast wie im richtigen Leben, machen beide Julias ganz toll Karriere. Die beiden (wahren) Geschichten erzählt Regisseurin Nora Ephron (Schlaflos in Seattle) parallel.

Die Amerikaner lieben es anscheinend, in die Vierziger-, Fünfzigerjahre zurückzublicken, als die Leute wie Schlote rauchen, saufen und fressen durften, die Fitnesswelle war weit. Zwei lange Stunden ziehen Enten-, Kuchen- und Rotweinorgien am Zuschauer vorbei. Schon vom Hinsehen kriegt man Gallenzwicken. Die junge Julie Powell (Amy Adams) und ihr treuer Gatte Eric (Chris Messina) werden von der Völlerei natürlich ebenso wenig fett wie Julia Child (Streep) und ihr Mann Paul (Stanley Tucci).

Das Ambiente der Nachkriegszeit in Paris und an den Orten, an die der Botschaftsangestellte Paul versetzt wird, ist detailreich rekonstruiert und ansprechend luxuriös. Es tritt eine Reihe von Damen auf, die mit charmantem französischen Akzent deutsch bzw. englisch sprechen. Streep ist natürlich auch der Originalfigur Julia Child, die immerhin über 90 Jahre alt wurde, haargenau nachgezeichnet. Aber Hand aufs Herz, wer will Streep als fortwährend schrill gackernde und penetrant süß lächelnde Matrone sehen? Für die Kids war Der Teufel trägt Pradavon David Frankel (2006) mit Streep als böser Modediva und Anne Hathaway als ihrer leidgeprüften Assistentin Kult, auch ein Mainstreamprodukt, aber viel besser.

Julie & Julia kann da, trotz Einfügung eines zeitgemäßen Blogs – Julie führt im Internet Tagebuch über ihre Kämpfe mit lebenden Hummern und B?uf Bourgignonne – nicht mithalten. Und wir älteren Streep-Fans wünschen unserer Heldin künftig mehr Weisheit bei der Rollenauswahl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2009)