Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich stark aufgehellt. Industrieaufträge steigen erstmals wieder, die Börsen boomen. Ökonomen geben dennoch keine Entwarnung.
wien/Brüssel (red.). Auf der Titanic herrscht keine Panik. Im Gegenteil: Obwohl die schlimmste Wirtschaftskrise seit fast 80Jahren noch immer wütet, ist die Stimmung im angebrochenen Spätsommer gut wie lange nicht: Der jüngst erhobene Wirtschaftsklimaindex der EU ist – auch in Österreich – auf den höchsten Wert seit einem Jahr geklettert, die Industrieaufträge beginnen in Österreich und Deutschland überraschend, wieder zu steigen.
Deutschland erwartet für das dritte Quartal jetzt sogar 0,8Prozent Wachstum, was den Gesamtrückgang des BIP in diesem Jahr von ursprünglich mehr als sechs Prozent auf rund fünf Prozent drücken dürfte. Auch die polnische Wirtschaft zeigt sich nach jüngsten Daten überraschend dynamisch (1,1Prozent Plus im zweiten Quartal statt der erwarteten 0,6Prozent). Das wiederum nährt Hoffnungen auf einen milderen Verlauf der Osteuropa-Krise.
Starkes Plus bei Reallöhnen
Äußeres Zeichen der guten Stimmung: Die Börsen wollen den Prophezeiungen vieler Analysten partout nicht folgen und haben ihren vorhergesagten neuerlichen Absturz zumindest aufgeschoben: Die Kurskurven zeigen nach wie vor stabil nach oben.
Wirtschaftsforscher sehen für die „Zwischenkonjunktur“ vor allem zwei Gründe: Die staatlichen Milliardenkonjunkturprogramme zeigen Wirkung, und die Arbeitnehmer – vor allem in Österreich und Deutschland – haben heuer trotz Krise die höchsten Reallohnerhöhungen seit Langem. Den jüngsten Lohnrunden lag nämlich die hohe Inflationsrate des Vorjahrs zugrunde, die Teuerung ist jetzt aber praktisch verschwunden. In Österreich kommen noch die Effekte der Steuerreform dazu.
Besonders antizyklisch ist die Lage in Deutschland: Dort gibt es heuer, mitten in der Krise, die erste reale Lohnsteigerung (um gut zwei Prozent) seit 2004. In den dazwischenliegenden Jahren der Hochkonjunktur waren die realen Löhne (abzüglich Inflation) stetig gesunken.
Dazu kommt, dass die von der Krise hart getroffene Industrie ihre Lagerbestände jetzt weitgehend abgebaut hat. Die offenbar stabile Konsumnachfrage sorgt im Verein mit dem vollzogenen Lagerabbau nun dafür, dass die Industriekonjunktur ein wenig anspringt – und einige Unternehmen so in die Lage kommen, die Kurzarbeit vorzeitig zu beenden (siehe nebenstehenden Artikel).
Möglicherweise aber nur vorübergehend. Denn die Sondereffekte, die die jetzige Zwischenkonjunktur ermöglichen, laufen gegen Jahresende aus. Und dann dürfte die jetzt doch stabilisierte Konjunktur wieder in Probleme schlittern, meinen etwa die Volkswirte der Bank Austria. Deren am Freitag veröffentlichter Einkaufsmanagerindex (ein ausgeprägter Konjunktur-Frühindikator) hat sich im August übrigens auch drastisch verbessert und mit 49,9Punkten schon fast wieder die Wachstumsschwelle von 50Punkten erreicht. Allerdings, so warnt Bank-Austria- Chefvolkswirt Stefan Bruckbauer, sei eine nachhaltige Belebung nicht in Sicht.
Mühsamer Weg nach oben
Im kommenden Jahr könnte die (heuer prozentuell zweistellig eingebrochene) Industrieproduktionzwar um fünf Prozent zulegen, damit werde die Produktionsleistung Ende 2010 aber immer noch deutlich unter dem Wert vor Ausbruch der Krise liegen. Immerhin ein Lichtblick: Im August hat die österreichische Industrie das höchste Plus bei den Auftragseingängen seit zweieinhalb Jahren verbucht.
Auf den Arbeitsmarkt hat das wenig Auswirkungen: Zwar hat sich der Beschäftigungsabbau zuletzt verlangsamt, für kommenden Winter rechnen heimische Ökonomen aber trotzdem mit einer Arbeitslosenrate von zehn Prozent.
AUF EINEN BLICK
■Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich überraschend stark aufgehellt, die Industrieauftragsbücherbeginnen sich wieder zu füllen. Ökonomen halten das aber für eine „Zwischenkonjunktur“,
zum Jahreswechsel könnte die Konjunktur wieder abflachen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2009)