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Die Wölfe kommen zurück – und nicht alle freuen sich darüber

Wölfe haben ein Heimatrecht auch in Österreich. Die Bauern werden sich mit Schutzmaßnahmen anfreunden müssen.

Der Salzburger Landesrat Josef Schwaiger machte sich unlängst Sorgen um die Almwirtschaft angesichts der Rückkehr der Wölfe. Es wurde ihm prompt Inkompetenz vorgeworfen, weil er die in Almgebiete einwandernden Wölfe betäuben und anderswo aussetzen will. Und er wurde angefeindet, weil er eine Änderung jener Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU forderte, die auch den Schutz des Wolfes regelt.

Ich möchte hier beides nicht tun. Vielmehr ist dem Herrn Landesrat hoch anzurechnen, dass er nicht wie üblich mit Schaum vor dem Mund gegen den Wolf wettert, sondern sich damit auseinandersetzt, ohne sofort nach der Flinte zu rufen. Ein solcher Standpunkt verlangt Mut, vor allem gegenüber der eigenen Klientel.

Natürlich sind die Vorschläge, Wölfe zu betäuben und europäische Richtlinien zu ändern, unrealistisch. Aber immerhin beginnt man über Wolfs- und Konfliktmanagement auch außerhalb des Elfenbeinturms einmal nachzudenken.

Zeit wird's, denn der Wolf kommt nicht gerade wieder, er ist schon seit Jahren zurück. Wölfe wandern ein, um rasch wieder zu verschwinden. So erfolgte hierzulande noch keine Rudelbildung, indem sich ein junges Weibchen und ein Rüde zusammentun, um miteinander Nachwuchs großzuziehen. Sehr im Gegensatz zu Deutschland, wo sich Wölfe seit wenigen Jahren von der Lausitz rasch westwärts verbreiten. Dort leben heute schon fast 40 Rudel mit insgesamt mehr als 350 Wölfen.

In Deutschland werden die um den Wolf unvermeidlichen Konflikte offen und politisch ausgetragen, und es herrscht wenigstens ein minimaler Grundkonsens zu dessen Management. Und hierzulande? Schießen, schaufeln, schweigen! Darum sehe ich Herrn Schwaigers Wortmeldung als Lichtstreif am Horizont. Freilich, wenn der Herr Landesrat in einem Interview den Wolf mit der Pest vergleicht, dann ist das nicht besonders intelligent.

Neuerdings werden in Deutschland angepasst an den Wolf Schafe gehalten, in der slowakischen Tatra und in Rumänien tut man das immer schon. Aber einfach Tiere auf die Alm zu treiben, um sie dort eine Saison lang sich selbst zu überlassen, wird in Zukunft nicht mehr gehen. Völlig inakzeptabel ist der Standpunkt der betroffenen Bauern, weitermachen zu wollen wie bisher. Kann es sein, dass die Österreicher mehrheitlich für die Rückkehr des Wolfes sind, dies aber durch die Unbeweglichkeit von ein paar Bauern und Jägern verhindert wird? Aber natürlich muss die wolfsfreundliche Mehrheit die Betroffenen unterstützen, durch Finanzierung der Herdenschutzmaßnahmen und durch einen höheren Preis für die bäuerlichen Produkte.

Warum wir den Wolf überhaupt brauchen? Das ist wohl eine falsche Frage, typisch für unsere hemmungslos materialistische Gesellschaft. So wird der Wolf zum Symbol für das Lebensrecht anderer Tiere neben uns, zum Symbol dafür, dass wir Menschen nicht die Herren der Erde sind – ihr Multitrauma zeigt eindrucksvoll, wohin dies führte –, sondern deren Gäste, mit der Pflicht, Verantwortung auch für unsere Mitgeschöpfe zu übernehmen. Wenn wir mit kolonialer Arroganz von den Leuten in Afrika und Asien verlangen, unter großen Opfern ihre Elefanten für uns zu schützen, dann werden wir doch fähig sein, mit ein paar Wölfen und Bären zu leben. Und sei es, um sich als Mensch in den Spiegel schauen zu können.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2016)