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Augarten-Besetzung: Eine unorthodoxe Anrainerin

(c) APA (Barbara Gindl)
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Raja Schwahn-Reichmann ist die Galionsfigur der eigenartigsten, aber effektivsten Bürgerinitiative der Stadt. Mit Barockfesten, einer Parkbesetzung und Wiens Künstlerszene will sie den Bau einer Konzerthalle im Augarten stoppen.

Was soll man von einer erwachsenen, nicht mehr ganz jungen Frau halten, die in ungarischer Tracht (normalerweise ist sie in barocken Kostümen unterwegs) durch den Augartenspitz marschiert, sich zwischen den Zelten des Widerstandscamps und tierischen Barockmalereien bewegt und dabei den Widerstand gegen die geplante Konzerthalle der Wiener Sängerknaben koordiniert? Eine schwierige Antwort. Für die einen ist Schwahn-Reichmann eine skurrile, etwas seltsame Anrainerin, die mit ihrer Bürgerinitiative illegal und gesetzeswidrig den Augartenspitz besetzt hält, um die genehmigten Probebohrungen für die Sängerknaben-Konzerthalle zu verhindern.

Für andere ist die Künstlerin, die man nach ihrem Alter fragen darf (aber darauf keine Antwort erhält), das Aushängeschild im Kampf um die Erhaltung des Augartens und eine Symbolfigur im Kampf um den öffentlichen Raum im Wien, der immer öfter geführt wird; zuletzt mit einer Diskussion über das Alkoholverbot im Museumsquartier, das von der Direktion verhängt wurde und nach Protesten wieder zurück genommen werden musste.


Skurril. Wer ist diese Frau, die trotz strömenden Regens an diesem Samstag gut gelaunt im Widerstandscamp im Augarten sitzt und die lauteste Bürgerinitiative Wiens anführt? Die sich für den Life Ball engagiert, in Italien für ihre künstlerische Arbeit ausgezeichnet wurde und ein barockes Palais entworfen hat, das derzeit nach ihren Plänen in Kolumbien gebaut wird? „Ich bin Barockmalerin und Anrainerin“, erklärt Schwahn-Reichmann. „Bereits als Kind habe ich gemalt und konnte dann einfach nicht mehr aufhören.“

Als Anrainerin führt Schwahn-Reichmann die derzeit skurrilste, aber medienwirksamste Bürgerinitiative der Stadt: Das „Josefinische Erlustigungskomitee“, das auf die älteste barocke Gartenanlage Wiens anspielen soll. Das Ziel: Die Konzerthalle im Augarten, die von Sängerknaben-Mäzen und Investor Peter Pühringer finanziert und forciert wird, zu verhindern, damit der Augartenspitz in Wien-Leopoldstadt nicht verbaut wird.

Warum sie sich mit einer österreichische Institution wie den Wiener Sängerknaben anlegt? „Weil ich hier aufgewachsen bin. Von meiner Ausbildung her als Restauratorin bin ich verpflichtet, historisch Wertvolles zu erkennen, auch wenn es von der Politik gegenteilig dargestellt wird.“

Einige halten diese Frau für etwas überdreht (freundlich formuliert) und ihre Bürgerinitiative für eine Gruppe Gesetzesbrecher, die illegal den Augartenspitz besetzt halten und die man (wie bereits im Juli) mit der Polizei-Sondereinsatzgruppe Wega entfernen sollte. Ob es nochmals dazu kommt, obwohl die Pühringer-Privatstiftung das gegenüber der „Presse“ bereits angekündigt hatte, ist aber fraglich. Denn so skurril Schwahn-Reichmanns Bürgerinitiative auf den ersten Blick wirkt: Sie ist gut vernetzt, die Liste der prominenten Unterstützer ist lang. Künstler wie die Schriftsteller Robert Menasse und Doron Rabinovici, Viennale-Chef Hans Hurch und Schauspielerin Anne Bennent mobilisieren für die Bürgerinitiative; neben anderen namhaften Vertretern der Künstler- und Kulturszene. Offensiv aufgetreten dagegen ist bis jetzt noch nicht Life-Ball-Organisator Gery Keszler, mit dem Schwahn-Reichmann eine langjährige Freundschaft verbindet („Er ist auch ein begeisterter Gärtner“). Sie gestaltete das Eingangsportal eines der ersten Life Balls und macht „in gewissen Abständen immer wieder etwas für den Life Ball – je nachdem, was für ein Thema es gibt“.


Rampensau. Ein Gerücht stimme aber nicht, meint Schwahn-Reichmann, die sich auch für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben einsetzt: Die Wandmalerei im Kaiserbründl, der berühmtesten und renommiertesten Schwulensauna Österreichs, die in einem historischen Gebäude untergebracht ist, stammt nicht von ihr, sondern von einem Freund. Warum diese Barockmalereien so oft ihr zugeschrieben wird, beantwortet die international tätige Künstlerin, die mit einem deutschen Maler und Bildhauer verheiratet ist, mit launigen Worten: „Er geht nicht so sehr an die Öffentlichkeit. Er ist im Gegensatz zu mir nicht so eine Rampensau.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2009)