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Raue Tänze und ein bisschen Shakespeare

In Spite of Wishing And Wanting
(c) Danny Willems - ImPuls Tanz
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ImPulsTanz. Am Donnerstag startet das Tanzfestival in Wien. Dauergast Wim Vandekeybus hat es Jan Fabre zu verdanken, dass er auf die Bühne gekommen ist. Ein Gespräch über Mut zum Risiko und den Vorteil der Ahnungslosigkeit.

Wim Vandekeybus gehört nicht zu den Choreografen, die mit sich und ihren Tänzern zimperlich umgehen. Da fliegen mitunter die Ziegelsteine haarscharf an Köpfen vorbei, manchmal fliegen auch die Körper, da werden Frauen geschleudert und begrabscht, da gibt es Stierkämpfe und Raufereien, bei denen der eine den anderen – so scheint's – fast tottrampelt. Gleichzeitig blitzt in seinen Stücken immer wieder Humor auf. Für Vandekeybus ist das die einzig interessante Form, Theater zu machen. „Wenn Leute auf die Bühne kommen, dann müssen sie etwas investieren, sie müssen etwas riskieren, es muss gefährlich sein – ich will nicht einfach nur unterhalten werden“, sagt er im Interview mit der „Presse“. Theater, das sei eben etwas anderes als Fernsehen: „Wenn man einen Film anschaut, bei dem einem alles um die Ohren fliegt, dann sitzt man im Sessel, und nichts passiert. Aber im Theater kann mich das bewegen, das bringt mich in Aufruhr – dabei geht es nicht nur um Gefahr, sondern um die direkte Kommunikation, die da möglich ist.“

Freilich könne man auch missverstanden werden. Das sei ihm aber egal, sagt Vandekeybus. „Die Leute sollen doch denken, was sie wollen. Selbst wenn jemand den Saal verlässt, ist das kein Problem.“ Das sei ihm immer noch lieber als Performances, bei denen am Ende alle applaudieren und glücklich sind: „Dann gehen die Leute hinaus – und haben es schon vergessen.“ Mut zum Risiko – das mache eine gute Performance aus.

 

Ferkel ziehen und Martial Arts

Woher aber hat der 53-jährige Belgier, dessen Compagnie Ultima Vez 1987 einen Blitzstart in die Topliga der internationalen Tanzszene hingelegt hat, diese Kompromisslosigkeit? Woher kommt sein Interesse am Experimentieren mit physikalischen Urgewalten? „Ich bin auf dem Land aufgewachsen“, erzählt er. Der Vater war Tierarzt. Oft wurde er in der Nacht geweckt und zu Notfällen oder Geburten gerufen. „Er hat mich dann mitgenommen, und ich habe ihm geholfen, die Kühe zu operieren oder die Ferkel herauszuziehen – ich hatte kleine Hände.“ Da habe er viel gesehen. „Auch fürchterliche Dinge. Die Spannung, die Unsicherheit, diese immanente Gefahr, die waren ein Teil von meinem Leben – von klein auf.“ Auf die Bühne kam Vandekeybus durch Zufall. Ballettunterricht gab's in der belgischen Provinz keinen. Aber viel Auslauf. „Ich bin durchs Dorf geturnt. Später habe ich ein bisschen Musik und Martial Arts gemacht. Dann habe ich mit der Fotografie begonnen.“ Erst an der Uni, als er Psychologie studierte, habe er zum ersten Mal eine Theateraufführung gesehen – und dann Theater gespielt. „Ich wusste nicht, was ich wirklich will. Dann habe ich ein Stück von Jan Fabre gesehen – und war bei der Audition. Ich war der Nackte König in Fabres Stück ,The Power of Theatrical Madness‘ – da habe ich beschlossen, mein Studium aufzugeben, weil ich lieber das machen wollte.“

Vandekeybus hat keines seiner Studien abgeschlossen. „Ich war einfach zu rastlos. Schon als Kind war ich sehr unruhig. Ich wollte immer alles sehen, habe jedes Risiko in Kauf genommen. Ich wollte die Dinge auf den Kopf stellen.“ Den Theorieunterricht hat er nicht ausgehalten. „Die haben mir zu viel erklärt, was ich zu tun habe. Nachträglich glaube ich aber, dass ich mehr hätte studieren sollen: die Technik des Fotografierens zum Beispiel. Es dauert sehr lang, sich das selbst beizubringen.“

 

„Ich bin ein Profi-Amateur“

Heute ist er Tänzer und Choreograf, Schauspieler, Filmemacher und Fotograf – und in allem vor allem eines: „Ich bin ein Profi-Amateur.“ Seine Herangehensweise an die Arbeit habe aber einen entscheidenden Vorteil, findet er: „Da ich es nicht besser gewusst habe, habe ich es anders gemacht.“ Es gebe ohnehin viel zu viele Kopien: „In der Tanzszene gibt es viel zu viel Austausch: Alle wollen lernen, was die anderen lernen. Sie wollen wissen, was die anderen wissen. Und alle kennen die Tricks der anderen. Das zerstört die Kreativität – vor allem das Internet.“

Vandekeybus' Filme sind anders. „Weil ich keine Ahnung davon hatte.“ Seine Choreografien sind anders. „Ich habe einfach mit einer Idee herumgespielt – und dann hieß es: Das ist eine Revolution!“ Das war 1987, als Ultima Vez mit „What the Body Does Not Remember“ auf sich aufmerksam machten. Zum ImPulsTanz kommen sie mit dem Revival der Männerperformance „In Spite of Wishing And Wanting“ (die Musik stammt von David Byrne) aus dem Jahr 1999 – ein Stück voll männlicher Energie und männlichem Habitus. Laut Vandekeybus „jungenhaft, sinnlich, rau und kommunikativ“. Das zweite Stück ist sein aktuellstes. Es sei weniger intellektuell, sagt er, dafür sehr emotional. In „Speak Low If You Speak Love . . .“ (ein Zitat aus Shakespeares „Viel Lärm um nichts“) geht es um „die Zertrümmerung von Herzen im Liebestanz“ (Programmheft) – und um das Spiel mit Geschlechtern, den Rollentausch von Mann und Frau. „Wenn es um die Liebe geht“, sagt Vandekeybus, „kann man alle fünf Jahre eine neue Performance machen – weil sich da ständig alles ändert.“

ImPulsTanz-Programm: www.impulstanz.com

ZUR PERSON

Wim Vandekeybus (*1963) studierte Psychologie, war zwei Jahre bei Jan Fabre engagiert. 1986 gründet er Ultima Vez, 1987 folgte mit „What the Body Does Not Remember“ der erste große Erfolg. Bei ImPulsTanz zeigt er „Revival: In Spite of Wishing And Wanting“ (16./18. 7.) und „Speak Low If You Speak Love . . .“ (2./4. 8.). Im Metro-Kino läuft die Doku „Wim“ (17. 7., 3. 8.), in der Lut Vandekeybus ihren Bruder porträtiert. [ ImPulsTanz ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2016)