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Ungarn zieht Einladung an Gastarbeiter zurück

FILE AUSTRIA EYBL
Autozulieferer(c) EPA
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Vorrang müsse die Ausbildung inländischer Arbeiter haben. Sagt Ungarns Arbeitgeberverband, nachdem sein Vorschlag, Kräfte aus Drittstaaten einzustellen, in dem zuwanderungskritischen Land für Proteste gesorgt hat.

Budapest. Ein Artikel in der „Presse“ hat in Ungarn und auch international für Aufsehen gesorgt: Sogar die „Washington Post“ griff die Geschichte auf, Ungarn erwäge, Gastarbeiter aus Drittländern, also von außerhalb der EU, ins Land zu holen. Ausgerechnet das Land, das sich mit Händen und Füßen gegen den Zustrom von Migranten in der Flüchtlingskrise sträubt. Ungarn leidet wie alle Länder der Region unter einer massiven Abwanderung junger Arbeitskräfte in die reicheren EU-Länder, dazu kommen niedrige Geburtenraten. Ausgeprägten Arbeitskräftemangel gibt es beispielsweise im Tourismus und in der Autoindustrie.

Der Vorstoß, in dem von einem Orientierungswert von 250.000 „kulturell integrierbaren“ Gastarbeitern die Rede war, kam vom ungarischen Arbeitgeberverband MGYOSZ und war öffentlich von Wirtschaftsminister Mihály Varga unterstützt worden. Die ungarischen Medien setzten gleich ihre Reporter in Bewegung, um vorhandene Gastarbeiter zu finden, und brachten erstaunliche Geschichten: Beispielsweise von einer großen Automobil-Zulieferfirma in dem kleinen Ort Szügy, wo die Zeitung „Népszabadság“ von „mexikanischen, serbischen und russischen Arbeitskräften“ berichtete – in einem Gebiet, in dem hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Die Zeitung zitierte einen anonymen Vertreter der ebenfalls ungenannten Firma, wonach es auf dem Markt an ausgebildeten Näherinnen mangele, die die Firma brauche, um Verdecke für Cabriolets zu nähen.

Auf Anfrage der „Presse“ sagte eine Sprecherin des multinationalen Magna-Konzerns, um den es sich wahrscheinlich handelt, das Unternehmen wähle seine „Fachkräfte unabhängig von ihrer Herkunft aus. Unsere speziell ausgebildeten Fachkräfte setzen wir global ein, wenn es darum geht, temporäre Projekte an anderen Produktionsstandorten zu bewältigen.“ Im Klartext: Der Konzern – wie wahrscheinlich andere multinationale Unternehmen auch – löst Fachkräftemangel im Standortland durch zeitweisen Import eigener Mitarbeiter aus anderen Ländern.

Inzwischen hat der ungarische Arbeitgeberverband angesichts der heftigen öffentlichen Reaktion seine Forderungen relativiert: Vorrang müsse eine bessere Qualifikation inländischer Arbeitskräfte haben, zudem sei die genannte Zahl von 250.000 erforderlichen Gastarbeitern nicht zutreffend – der Fachkräftemangel liege eher bei 50.000. Auch das zentrale Amt für Statistik meldete sich zu Wort: Derzeit könnten nur 36.000 bis 50.000 freie Stellen nicht besetzt werden.

 

Unzufriedenheit regiert

Allerdings zeigt der Trend eine deutliche Verschlechterung. Eine aktuelle Umfrage der deutsch-ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) bei 227 Unternehmen zeigt eine sprunghaft angestiegene Unzufriedenheit der Unternehmer mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Demnach sahen sie eine deutliche Zunahme des Fachkräftemangels in den vergangenen zwölf Monaten. 54 Prozent der befragten Unternehmen äußerten sich unzufrieden über die Verfügbarkeit brauchbarer Arbeitskräfte. Im Vorjahr waren es mit 27 Prozent halb so viele. Nur 13 Prozent äußerten sich zufrieden. Die DIUHK wertet die Entwicklung als gefährlich für künftige Investitionen und fordert „entschlossenes Handeln der Regierung“, um Abwanderung von Fachkräften einzudämmen und ihre Qualifikation zu verbessern – nicht aber, Gastarbeiter zu holen.

Fachkräftemangel herrscht überall in Europa, auch etwa in Deutschland, sagte DUIHK-Präsident Dale Martin auf „Presse“-Anfrage. Die Zeiten, da Unternehmen in Ostmitteleuropa auf ein reiches Angebot gut gebildeter Arbeitskräfte stießen, seien vorbei. So ist die ungarische Debatte über mangelnde Fachkräfte und Gastarbeiter eigentlich nichts Besonderes, die Lage ist überall ähnlich. Pikant macht sie nur, dass Ungarn sich so radikal gegen Zuwanderung aus „fremden Kulturkreisen“ wehrt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2016)

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