Ban Ki-moon: „Ich habe mein eigenes Charisma“

(c) APA (Bernhard J. Holzner)
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UN-Generalsekretär Ban Ki-moon wehrt sich im Presse-Interview gegen den Vorwurf der norwegischen UN-Botschafterin Mona Juul, seit zwei Jahren abwesend zu sein.

Die Presse: Die norwegische UN-Botschafterin Mona Juul hat Ihnen vorgeworfen, als UN-Generalsekretär nicht vorhanden zu sein.

Ban Ki-moon: Die Kritik bringt mein Job mit sich. Wenn ich nicht UN-Generalsekretär wäre, hätten die Leute vielleicht kein Interesse an mir. Ich begrüße jede Kritik, die konstruktiv ist und auf Fakten beruht.

Sie halten Juuls Kritik also für unkonstruktiv?

Ban: Norwegens Außenminister hat öffentlich bedauert, dass Frau Juuls Memo in die Zeitungen kam. Er hat klar gesagt, dass es sich bei dem Memo nicht um ein Statement der norwegischen Regierung handelt.

Warum wurde das Memo geleakt? Will jemand verhindern, dass Sie eine zweite Amtszeit als UN-Generalsekretär bekommen?

Ban (lacht): Darüber will ich nicht spekulieren. Die UNO hat 192 Mitglieder, da gibt es verschiedene Ansichten.

Sie sind ein höflicher Mann. Aber diese Kritik zielt direkt auf den Kern Ihrer Persönlichkeit ab. Wie können Sie da so ruhig bleiben? Einmal hieß es, Sie seien ein „Nowhere Man“. Waren Sie vielleicht in den letzten zweieinhalb Jahren wirklich nicht sichtbar genug?

Ban: Was heißt schon sichtbar? Ich war rund um die ganze Welt sichtbar. Es gibt verschiedene Führungsstile, und kein Stil ist besser als der andere.

Welchen Führungsstil haben Sie?

Ban: Ich bin ein harmonischer Brückenbauer. Das „Time“-Magazin hat mich unlängst auch sehr treffend so beschrieben.

Sie würden sich selbst also nicht dem Typus eines charismatischen Führers zurechnen.

Ban: Was für eine Art von Charisma erwarten Sie? Ich habe mein eigenes Charisma.

Ihre Kritiker sagen, die UNO habe die Chance verpasst, in der Finanzkrise als wichtigster multilateraler Akteur aufzutreten.

Ban: Das ist wieder ein eindeutiges Missverständnis. Ich war es, der als Erster nach Ausbruch der Finanzkrise zusammen mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vorgeschlagen hatte, ein G20-Treffen in der UNO abzuhalten. Ich war auch der erste UN-Generalsekretär, der von den G20 eingeladen wurde und dort auch eine aktive Rolle gespielt hat. Ich habe dort um eine Billion Dollar für die verwundbarsten und ärmsten Länder gebeten.

Den Staats- und Regierungschefs obliegt es, Konjunkturpakete für die Weltwirtschaft zu schnüren. Meine Rolle ist es, auf die Nöte der Entwicklungsländer hinzuweisen. Das werde ich auch beim G20-Gipfel im September in Pittsburgh machen.

Vor einem Jahr war viel von neuen Regeln für die Finanzmärkte die Rede. Jetzt werden wieder riskante Finanzgeschäfte wie früher betrieben, als hätte es gar keine Krise gegeben.

Ban: Ich werde beim G20-Gipfel in Pittsburgh vorschlagen, dass die UN-Mitgliedstaaten ein Finanzfrühwarnsystem in Echtzeit aufstellen. Das wird ein wichtiger Mechanismus zur Kontrolle sein.

Hat die Finanzkrise auch direkte Auswirkungen auf die UNO?

Ban: Das kann ich nicht bestreiten. Ich dränge immer wieder darauf, dass die UN-Mitgliedstaaten trotz der Finanzkrise ihren Verpflichtungen nachkommen. Sie müssen ihre Versprechen bei der Entwicklungshilfe einlösen. Sie haben viel versprochen, aber noch wenig eingehalten.

Erwarten Sie auch, dass einzelne UN-Mitglieder nicht mehr in der Lage sein könnten, ihre UN-Beiträge zu zahlen?

Ban: Bei den Mitgliedsbeiträgen haben wir kaum Probleme. Sorgen bereiten mir die freiwilligen Beiträge, die einzelne Staaten gekürzt haben oder zurückhalten. Die UNO versorgt täglich 80 Millionen Menschen mit Essen. Das World-Food-Programm hat große Schwierigkeiten, diese Hilfe zu finanzieren.

Manche Experten sagen vorher, dass der Ölpreis bald wieder kräftig ansteigen wird, vielleicht sogar in die Nähe von 200 Dollar. Das wird aufgrund der erhöhten Transport- und Düngerkosten auch wieder die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Ist die Welt vorbereitet auf eine neue Nahrungsmittelkrise?

Ban: Wir stecken noch in der Lebensmittelkrise, die letztes Jahr ausbrach. Ich habe damals sofort eine Task Force einberufen. Im November findet ein Gipfel der FAO zu diesem Thema statt, der G8-Gipfel in L'Aquila hat 20 Milliarden Dollar mobilisiert. Es sollte anerkannt werden, dass ich Leadership in der Lebensmittelkrise gezeigt habe.

Sie haben es mit mehreren Krisen gleichzeitig zu tun...

Ban: Ölpreiskrise, Lebensmittelkrise, Finanzkrise, Klimawandel. Das hat es in der Geschichte der UNO noch nie gegeben. Eine dieser Krisen wäre genug, um die Ressourcen und die Energie der Welt zu binden. Es ist klar, dass es eine hohe Erwartung an die UNO gibt. Aber die UNO kann ohne politischen Willen ihrer Mitglieder nicht funktionieren. Bevor sie mich kritisieren, sollten sie ihre Hilfe zu Verfügung stellen.

Werden Sie für eine zweite Amtszeit antreten?

Ban: Ich bin nicht der Typ, der seine eigene Rolle in den Vordergrund stellt. In den vier Jahrzehnten als Beamter habe ich nie dafür gearbeitet, eine höhere Position zu erlangen. Ich habe diese Stellung erlangt, weil ich hart und konzentriert gearbeitet habe. Wenn die Zeit kommt, werden die UN-Mitgliedstaaten meine Leistung beurteilen.

ZUR PERSON

Ban Ki-moon ist seit 1.1. 2007 Generalsekretär der UNO. Davor war der südkoreanische Diplomat Außenminister. Zu Österreich hat er ein besonderes Verhältnis: Er war Ende der 90er-Jahre Botschafter in Wien.

Seine Amtsführung ist umstritten. Die UN-Botschafterin Norwegens warf ihm in einem Memo, das für ihr Außenamt in Oslo bestimmt war, vor, zu wenig sichtbar zu sein.

Nach Österreich kam Ban wegen der 30-Jahr-Feier der UNO-City. Am Montag nahm er am „Retreat“ des Sicherheitsrats in Alpbach teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2009)

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