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Neuer Ang Lee-Film: Woodstock, wie trügerisch!

So klar wie selten zuvor drückt Regisseur Ang Lee in „Taking Woodstock“ die Idee von der Widersprüchlichkeit des Menschseins aus. Kinostart am Freitag.

Es wäre so einfach gewesen, zum vierzigsten Jahrestag von Woodstock einen Film zu drehen, der die Erwartungen erfüllt. Einen Nostalgietrip mit Musikstückerln von Janis Joplin bis Jimi Hendrix inklusive der Frage, wieso es im Heute keine öffentlich auftretenden Gegenkulturen mehr gibt. Regisseur Ang Lee geht allerdings selten den einfachen Weg: Absolute Wahrheiten interessieren ihn nicht. Er will die Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten der menschlichen Natur einfangen.

Deshalb läuft in seinem Historienfilm Taking Woodstock das Festival auch lediglich im Hintergrund ab: Woodstock ist der Motor, der Lees Figuren antreibt. Woodstock ist Zeitgeistlieferant, ein Überbau, die Apotheose des Hippie-Lebensentwurfs, der bereits kurze Zeit später keine Gültigkeit mehr hat.

Taking Woodstock basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Buch von Elliot Tiber, den Lee zur Hauptfigur macht: Gemeinsam mit seinen liebenswerten, aber schrulligen Eltern (wundervoll überzeichnet: Henry Goodman und Imelda Staunton) leitet der junge Mann ein Motel in Bethel, einem Kaff im Bundesstaat New York. Jugendliche findet man dort kaum mehr: Die sind ausgezogen, um in den Städten ihr Glück zu suchen, geblieben sind nur die alten Grantscherben, die im Wirtshaus auf Bürgerrechtsbewegung, Rockmusik und vor allem die Langhaarigen schimpfen, während sie ihr Bier trinken.

Als Elliot erfährt, dass die Organisatoren eines kleinen Musikfestivals nach einem geeigneten Veranstaltungsort suchen, sieht er eine Gelegenheit, Bethel zukunftsfähig zu machen. Schon bald schieben sich die Hippie-Massen über die Landstraßen, hin zu einer Veranstaltung, die in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen wird.

 

Der Blick von heute auf das Gestern

1969 ist Ang Lee gerade einmal vierzehn Jahre alt: Seine Heimat Taiwan profitiert zu dieser Zeit von den freundschaftlichen Beziehungen zu den USA. Die US Army beschützt die Insel vor den Zugriffen der Volksrepublik China. Schon 1972 wendet sich das Blatt, als Nixon Peking besucht und Taiwan von der internationalen Staatengemeinschaft in die Isolation gedrängt wird.

Ang Lees Filmen ist sein aus dieser Bäumchen-wechsel-dich-Politik erwachsenes Misstrauen gegenüber jedwedem System abzulesen: So geschwinde wie in seinem großen Spionagemelodram Lust, Caution (2005) die Seiten gewechselt werden, so trügerisch wirkt auch die von den Hippies heraufbeschworene große Freiheit in Taking Woodstock. Der Blick von heute auf das Gestern relativiert vieles: Stimmungen, politische Einstellungen, alles verändert sich.

Nur die Gefühle der Menschen, die damals dabei gewesen sind, haben für den Taiwanesen Bestand: Deshalb konzentriert er sich Film auf die Entwicklung von Elliot (spitzbübisch-weise angelegt vom Stand-up-Komiker Demetri Martin). Der reitet auf der Gegenkulturwelle mit, ist bald angesteckt von der Form- und Zwanglosigkeit dieser gesellschaftlichen Utopie: Vilma (die heimliche Sensation des Films: Liev Schreiber), ein Koreaveteran, der nach seiner Heimkehr die Uniform gegen Frauenkleider eingetauscht hat, wird zu seinem Vertrauten. In der Zeichnung dieser Figur läuft auch Lee zur Höchstform auf. Der Exsoldaten, der zum Transvestiten wird, verkörpert die Seele seines Kinos, die Idee von der Widersprüchlichkeit des Menschseins, so klar wie selten zuvor.

Selbst wenn Elliots folgende Reise von seinen ersten homosexuellen Erfahrungen über Acid Trips hin zur Stille nach dem Schluss nur das einlöst, was man erwartet, reiht sich Taking Woodstock nahtlos in Lees außergewöhnliche Filmografie ein. Weil er wie alle großen Melodramatiker – selbst wenn sie Komödien drehen – ein untrügliches Gespür dafür hat, was am Ende übrig bleibt: ein unbestimmtes Gefühl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2009)