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"Libération": Freiraum für die großen Themen

(c) AP (Christophe Ena)
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Frankreichs Qualitätszeitungen haben sich längst zum „täglichen Magazin“ gewandelt – mit ungewissem Erfolg.


„Die Information ist ein Kampf“: Bei „Libération“ gibt man sich, zumindest dem Motto nach, immer noch militant. Frankreichs Tageszeitung mit dem schönen Namen „Befreiung“ entstand 1973 als Sprachrohr der 68er-Bewegung und der neuen Linken. Illustre Gestalten wie Sartre und Foucault mischten mit, als es darum ging, die Gesellschaft von den Zwängen eines verstaubten Systems der Eliten zu befreien. Heute fühlen sich Redakteure und Leser von „Libé“ zumindest formal befreit: von den Zwängen der Informationsgesellschaft.


Alles Wichtige muss ins Blatt? Ein reaktionäres Dogma, meint man hier. Auf den 32 Tabloid-Printseiten geht es ganz gelassen zur Sache: Die erste Seite dominieren ein Foto und ein Titel. „Merci, Cunningham“ hieß es dort monumental und schlicht, als der große amerikanische Choreograf (mit Vornamen Merce) vor wenigen Wochen das Zeitliche segnete. Im Blatt haben die Themen dann viel Raum, um sich zu entfalten.


Etwa am letzten Donnerstag: sechs Seiten über das Ende der Kennedy-Dynastie, dann zwei Seiten Porträts von Aktivisten einer neuen antikapitalistischen Partei, die auf einer Sommeruni in Gedanken die Welt verbessern. Zum Schluss vier Seiten Comics aus dem „globalen Boboland“: verworren, verschroben, hintergründig.
Die Information als Kampf, oft auch als Krampf. Vieles wirkt gewollt originell. Aber auch Frankreichs Paradeblatt „Le Monde“ ist vor Manierismen aller Art nicht gefeit: Da wurde den ganzen Sommer lang auf Seite drei eine beliebige Zeitungsseite aus den 50er-Jahren bis ins Detail analysiert. Und weiter hinten berichtet immer noch ein Radfahrer, der die Route aus „In 80 Tagen um die Welt“ nachstrampelt, von seinen sehr alltäglichen Erlebnissen.   


Aber was soll's: Die Franzosen mögen das, so wie sie Magazine mögen. „L'Express“, „Le Point“, „Le Nouvel Observateur“, „Marianne“, „Paris-Match“: Bei den bunt bebilderten Wochenblättern, die ausgewählte Themen vertiefen, reicht die Palette von rechts bis links, von seicht bis intellektuell, mit Auflagen bis zu einer Million. Da haben einige Tageszeitungen bald nachgezogen und präsentieren sich längst schon als tägliches Magazin – heute mehr denn je.


Der Gedanke dahinter: Die aktuellen Aufreger kennen die Leser ja schon längst aus den Onlineseiten, dem Radio oder erfolgreichen Gratiszeitungen wie „20 minutes“. Die Qualitätspresse soll dazu Hintergrundanalysen liefern, Themen aus vielen Blickwinkeln beleuchten. Dass dabei viel Aktuelles fehlt, stört die Franzosen kaum. Dass Bericht und Meinung sich oft so untrennbar vermengen wie die Ingredienzien eines Café au lait, offenbar noch weniger.


Flaggschiffe auf dem Rückzug


Freilich: Die Zielgruppe ist klein und schrumpft. Zeitungslesen zählt nicht gerade zu den Leidenschaften der Gallier. Am meisten gelesen wird, wie in Italien und Spanien, die Sportzeitung, hier „L'Equipe“ genannt. „Le Monde“ und der rechtsliberale „Figaro“ halten bei einer Auflage von je 340.000 Stück – nicht viel für ein Land, das achtmal so viele Einwohner hat wie Österreich.
Während der „Figaro“ stagniert, kommen „Le Monde“ und „Libé“ die Leser langsam, aber kontinuierlich abhanden. Doch der magazinöse Touch ließ sie zu lange überleben, als dass es jetzt noch jemand ändern will. Der Kampf geht weiter – auch wenn er vielleicht nur mehr ein Rückzugsgefecht ist.