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Die Zeitung lebt

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Das Internet, eine große Erfindung – es bietet unendlich viel Platz. Aber wer liest das alles? Höchstens der Zeitungsjournalist, der für seinen Leser filtert.

Mit einer Buchempfehlung traf ich zuletzt ins Weiße: „Großartig, dieser ,Talentierte Mr. Ripley‘“, schwärmte ich vom Highsmith- Roman, in dem ein sympathischer Schwindler zum Erhalt seines Lebemanntums halt auch ein, zwei Morde begeht. „Warum bitte liest du den?“, blickte mich ein Freund groß an, „den gibt's doch als Film!“


Da haben wir sie, die Ausnahme vom Riepl'schen Gesetz. Laut diesem verschwindet ein Medium – so es sich einmal etabliert hat – nicht wieder aus dem Bewusstsein der Konsumenten. In den Sechzigern, als das Fernsehen in die Haushalte einzog, befürchtete man, das Kino würde sterben, in den 80ern dann „Video Killed the Radio Star“.
Nix da. Multi-media heißt es heute.


In Bezug auf die breite Masse dürfte Riepl also doch richtig liegen. Natürlich ist das Internet – z. B. mit seinem Bewegtbild, seiner Nicht-Linearität, seiner Volltextsuche – äußerst praktisch und simpel zu bedienen. Doch auch die Zeitung hat ihre Vorzüge.
Sie lebt. Nicht virtuell. Ihr Papier ist leicht, mobil, biegsam. Sie beansprucht die Sinne, riecht, raschelt und färbt ab. Der Zeitung geht es um Haptik und Optik. Das Auge liest – und isst mit. Die deutsche „Zeit“ verteidigt seit Jahren ihr Großformat, es transportiert mehr als Buchstaben in Druckerschwärze: Es trägt das Image des Blattes.

Im Englischen steht „Broadsheet“ schon an sich für Qualität. Auch Layout, Fotos, Typografie steuern viel dazu bei. Hingegen: In die Gestaltung einer Onlinezeitung groß Energie zu stecken, hat wenig Sinn: Jeder Bildschirm stellt – nach Kalibrierung, Browser etc. – eine Homepage anders dar. Blickt man auf News-Aggregatoren (z. B. „Drudge Report“), die das Konzept der Zeitung online adaptiert haben und die Filetstücke der Berichterstattung aus dem Netz picken, sieht man zwar keine Text-, dafür Link-Wüsten.


Die Zeitung überfordert nicht. Erst das Internet rief das Schlagwort „Informationsüberfluss“ hervor. Der Zeitung sieht man sofort an, woran man ist: ob an acht oder 80 Seiten. Online haben News-Sites theoretisch unendlich viel Platz, um sich auszubreiten. Aber wer soll, kann, will das lesen? „,Informare‘ heißt unter anderem: eine Form geben. Also auswählen, filtern, destillieren, weglassen, weglassen, weglassen“, schreibt Autor Benjamin von Stuckrad-Barre im Juni in einer „Liebeserklärung an die Zeitung“ in der deutschen „Welt“. Und übrigens: „Als Ausweis erhöhten Aufdrahtseins taugt das Internet längst nicht mehr.“ Es ist nicht die Zukunft, sondern allgegenwärtig.


Der Journalist als Türsteher


Die Zeitung sortiert und gewichtet. Eine wesentliche Aufgabe des Journalismus ist es, den „Gatekeeper“ – so der Fachbegriff – zu spielen, den Türsteher, wenn man so will. Jede Geschichte wird einer Leibesvisitation unterzogen, bevor sie reinkommt. Selbst Wikipedia stellt für seine englischsprachige Version jetzt „Redakteure“ an, die neue Einträge prüfen sollen. Bei einer Zeitung kann man sich jetzt schon darauf verlassen, dass sich jemand Gedanken über Themenkanon und Rhythmus der Ausgabe, die man in Händen hält, gemacht hat. Sie dient mit gesundem statt gefährlichem Halbwissen – so sie Qualitätsjournalismus betreibt.


Die Zeitung gibt der Neugier Stoff. Online lassen sich personalisierte News abonnieren, ganz auf Sie zugeschnitten. Doch: Wie oft ist man nicht schon zufällig auf Information gestoßen, von der man ursprünglich nicht gedacht hätte, sie könnte einen interessieren? Neu entdecken kann man im hoch spezialisierten Newsletter wenig.


Stuckrad-Barre gibt den Printmedien in seinem „Liebesbrief“ allerdings selbst die Hauptschuld an ihrer „Krise“: weil sie ständig auf das ach so tolle Angebot im Internet verweisen. Dabei: „,Lesen Sie auf unserer Internetseite den kompletten Gesetzestext!‘ – warum sollte man das tun? Die Menschen, die mit Gewinn komplette Gesetzestexte lesen, wissen, wo man diese findet.“ Der Durchschnittsleser will vom Medium seiner Wahl Information. Denn, so Stuckrad-Barre: „,Alles‘ bekommt man überall.“ Das dann aber bloß als „verzweifelte Schrotschüsse.“