Wenn man links aus dem Fenster sieht, scheint die Sonne. Wenn man rechts aus dem Fenster sieht, ist es so dunkel wie an einem Novembernachmittag und es schüttet.
Wenn man links aus dem Fenster sieht, scheint die Sonne. Wenn man rechts aus dem Fenster sieht, ist es so dunkel wie an einem Novembernachmittag und es schüttet. Die heftigen Gewitter der vergangenen Tage sind sehr punktuell. Und sie kommen ganz ohne Regenbogen aus. Die man bei Sonnenstrahlen plus Regen doch erwarten könnte. Auch nach zahlreichen Expertisen der Umgebung, in welchem Winkel das Licht die Tropfen treffen muss und wo der Regenbogen dann zu finden sei, endet die Suche erfolglos. Regenbogen gehorchen keinen Gesetzen, auch nicht den physikalischen.
Ein Regenbogen, der sich plötzlich über den Himmel spannt, kann sogar die rühren, die sonst nicht viel rührt. Vielleicht auch, weil man noch diese Kindheitserinnerung in sich trägt, wonach er für das Schöne und die Hoffnung steht. Und weil die Legende vom Topf mit Gold am Ende des Regenbogens zu den schönsten Geschichten gehört, die dem Glück näherkommen wollen.
Die Kinder ordnen die Stifte in ihrem Federpennal lieber nach dem Regenbogenspektrum als nach den Nummern, mit denen der Hersteller die Abfolge der Farben bestimmt. Warum auch immer mit Gelb anfangen, wenn es mit Rot so viel schöner aussieht? Festhalten kann man nur die Farben, auch ein guter Fotograf kann die Magie des Regenbogens nicht sichtbar machen, man muss ihn in echt erleben.
In Echtzeit musste man auch das Finale der Fußball-EM sehen, um zu verstehen, warum es noch lang nachwirken wird. Nicht nur aus sportlicher Sicht. Hunderte Millionen Menschen sahen live und in Nahaufnahme, wie sich ein Fußballstar seinen Emotionen völlig ungefiltert hingab. Cristiano Ronaldos Tränen haben vor allem den Kindern mehr gegeben als alles andere, was während des Turniers geboten wurde. Ronaldo weinte aus Schmerz, aus Wut, aus Freude. Kindlich? Vielleicht. Aber echt, in jedem Fall. Offenbar fühlen sich manche von so viel Emotion in ihrer Männlichkeit angegriffen. Viele hat es aber einfach nur berührt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2016)