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Californication

VW California
(c) Werk

Das inoffizielle Traumauto aller Familien: Auch als T6 ist der VW California eine Klasse für sich.

Wer sind die wahren Camper? Ist es das ältere Ehepaar aus Deutschland, das seinen alten Fiesta mit den erprobten Utensilien des Outdoor-Lebens randvoll gefüllt hat, das bei allen Wettern im Zelt schläft und vermutlich einen Gutteil aller Campingplätze des Kontinents bereits gesehen hat? Bei ihnen passt jeder Handgriff, das Essen wird kostensparend mitgeführt, und das Zelt wäre auch im mitternächtlichen Wolkenbruch, sollte es trotz aller Routine einmal dazu kommen, im Nu errichtet.

Oder ist es die Jungfamilie im California, die die elektrische Entfaltung des Hochdachs verzückt mit dem Smartphone filmt, die in den Handgriffen noch nicht ganz geübt ist und deren größte Sorge dem Sauberhalten der zu hell geratenen Inneneinrichtung gilt, solang nix Schlimmeres eintritt?

Es wird wohl etwas in der Mitte sein. Die Basiscamper ohne Komfortanspruch sind eine Spezies im Rückgang, bestätigt uns zumindest der Platzwart, andererseits ist auch ein California im vollen Trimm keine alltägliche Sichtung. Was einen einfachen Grund hat: den Preis, der mit Jungfamilien und Durchschnittspensionisten wenig kompatibel ist.

 

Weites Land California

Dennoch werden bis zu 5000 VW-Wohnmobile jedes Jahr gefertigt, seit 2004 unter dem Namen California, seit der Generation T5 komplett in Eigenregie von einer VW-Tochter in Hannover. Davor hat Westfalia die VW-Transporter zu Campern umgebaut.

California ist freilich ein weites Land innerhalb des Transporteruniversums von Volkswagen, es gibt eine kaum überblickbare Zahl an Varianten und natürlich Extras, mit denen sich grimmige Preisgebirge auftürmen lassen. Wir etwa hatten zum Testen das Vergnügen der De-luxe-Variante namens Ocean, die unter anderem mit Hochdach und Küchenzeile ausgerüstet ist: Gasherd mit zwei Feuerstellen, Abwasch mit Wasserhahn, geräumige Kühlbox, jede Menge Kasterln und Schränke und sogar ein versteckter Safe.

Maschinell ist dieser T6 ebenfalls kein Sparprogramm: Allradantrieb und Siebengang-DSG umrahmen einen zugkräftigen Zweiliter-TDI mit 150 PS. Der Motor hat eine SCR-AdBlue-Abgasreinigung nachgeschaltet, von der wir hoffen, dass sie Stickoxide wirksam reduziert – es gibt auch TSI-Benziner (150 und 204 PS), die auf dem Markt bislang allerdings keine Rolle spielen.

Den Allradantrieb kann man auf einem nach einer Regennacht durchweichten Campingplatz schneller gebrauchen, als man vermuten würde. Klar, das war früher nicht anders, aber in den Tagen, als alles besser war, haben sich die Camper halt noch untereinander geholfen, wenn einer festgefahren ist. Im T6 mit 4Motion steigt man einmal fest aufs Gas, und das war's.

Auch wenn die Preise bedenklich in Richtung Porsche zeigen, so ist ein solcher Cali doch ein prachtvolles Gerät, das den meisten Familienvätern vermutlich 100-mal lieber als ein 911er wäre. Die schlauen Lösungen, mit der die Techniker auf geringem Platz möglichst viel Funktionalität untergebracht haben, beeindrucken. In die Schiebetüre integriert ist ein großer Aluklapptisch, dazu zaubert man zwei Klappstühle, die wiederum in der großen Heckklappe versteckt sind. Die Vordersitze sind mit einem Handgriff umgeschwenkt, im Erdgeschoß können nach etwas Klipp und Klapp zwei Personen schlafen, wenn nicht gerade gekocht wird. In den ersten Stock geht es über die Vordersitze, die wir sicherlich nicht mit hellem Stoff beziehen würden.

Die Schlafkoje, die das Hochdach freigibt, ist alles andere als beengend, Matratzen und Lattenrost sind hochwertig. Das rollende Häuschen lässt sich komplett abdunkeln, weil jedes Fenster mit Jalousien ausgestattet ist, sogar die Windschutzscheibe.

Die seitlich angebrachte Markise wird manuell ausgefahren und hat zwei Stützbeine integriert. So kann man im Regen vor dem Auto sitzend auf besseres Wetter hoffen. Die wohnfertige Konfiguration ist binnen weniger Minuten mühelos hergestellt. Sogar ein Duschschlauch ist dabei, er wird am Heck an einen Druckanschluss gesteckt.

Sollte die Gesellschaft auf dem Platz nicht gefallen, sind die Zelte schnell abgebrochen, und man ist wieder unterwegs, was auch keine Pein ist. Der T6, gut motorisiert, fährt sich trotz oder wegen seines Gewichts, dem stärkere Stabilisatoren Rechnung tragen, sauber und alles andere als behäbig.

Nur der größte Kinderwunsch lässt sich nicht erfüllen: Das aufragende Hochdach muss vor Fahrtantritt eingeholt werden, der luftige erste Stock mit der schönen Aussicht verschwindet.

VW T6 CALIFORNIA 110 KW TDI 4MOTION DSG OCEAN

Maße: L/B/H: 5006/1904/1990 mm. Radstand: 3000 mm. Leergewicht: 2592 kg. Wohnfläche: 4,0 qm.

Motor: R4-Zylinder-Turbodiesel, 1968 ccm. Max. Leistung: 110 kW (150 PS). Max. Drehmoment: 340 Nm.

0–100 km/h: 14,6 sec. Vmax: 175 km/h. Testverbrauch: 8,5 l/100 km.

Allradantrieb. Siebengang-DSG.

SCR-Abgasreinigung mit AbBlue.

Preis ab 75.959 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2016)