Gleich nach dem Schlüpfen können sie zwischen gleich und verschieden unterscheiden.
Die vielleicht grundlegendste Leistung des Verstandes ist es, Paare von Objekten als gleich oder verschieden zu kategorisieren. Das ist ein abstraktes Konzept, und zu einem solchen seien Tiere nicht fähig, behauptete der britische Philosoph John Locke 1690 in seinem „Essay Concerning Humane Understanding“ sentenziös: „Brutes abstract not.“
Inzwischen haben Verhaltensforscher das Konzept Gleichheit/Verschiedenheit u. a. an Affen, Ratten, Krähen und Papageien nachgewiesen, also an bekanntermaßen besonders intelligenten Tieren. Doch überraschend ist, dass offenbar auch Tiere dieses Konzept anwenden, die man, von der Großfamilie Duck einmal abgesehen, gemeinhin nicht für sonderlich klug hält: Enten. Noch dazu frisch geschlüpfte. Noch dazu, ohne dass man sie extra darauf trainieren musste.
Die Zoologen an der University of Oxford, die das entdeckt haben und in Science (353, S. 286) beschreiben, machten sich ein Verhaltensprogramm von Wasservögeln zunutze, das dank Konrad Lorenz auch Nichtzoologen ein Begriff ist: die Prägung auf die Mutter, der die Jungen ja möglichst watschelnd und/oder schwimmend folgen sollen. Lorenz gelang es bekanntlich, dass frisch geschlüpfte Graugänse ihn als ihre Mutter akzeptierten, aber man kann solche Vogelbabys auch auf unbelebte Objekte prägen, diese müssen sich nur bewegen, Laute von sich geben – und vor allem gleich nach dem Schlüpfen zur Stelle sein. Die kleinen Gänse und Enten haben eben kein angeborenes Bild, wie ihre Mutter auszusehen hat.
Paare von Kugeln statt der Mutter
So gelang es den Zoologen in Oxford auch, ihre Entlein auf – natürlich bewegte und scheinbar Laute ausstoßende – Paare geometrischer Objekte (Kugeln, Pyramiden, Würfel, Quader etc.) zu prägen. Manche prägten sie auf ein Paar gleicher Objekte (z. B. zwei Kugeln), andere auf ein Paar verschiedener Objekte (z. B. einen Würfel und einen Quader). Dass das gelang, ist noch kein Wunder. Höchst erstaunlich ist aber, dass die auf ein gleiches Paar (etwa zwei Pyramiden) geprägten Entlein auch einem anderen gleichen Paar (etwa zwei Würfeln) folgten und die auf ein ungleiches Paar auch einem anderen ungleichen Paar. Sie verfügen offenbar über ein abstraktes Konzept von Gleichheit bzw. Verschiedenheit. Das Experiment funktionierte sogar auch mit Farben statt Formen.
Wozu haben die Entlein ein so abstraktes Konzept in ihren Köpfen? Weil es für sie lebenswichtig ist, dass die Prägung funktioniert. „Wenn ein Entenküken klein ist, muss es in der Nähe seiner Mutter bleiben, um in ihrem Schutz zu sein“, erklärt Antone Marhino, einer der Oxford-Zoologen: „Ein Fehler kann fatal sein.“ Und daher reicht es nicht, sich ein exaktes Bild der Mutter einzuprägen, schließlich ändert sich dieses ja dauernd, während sich die Mutter bewegt, mit dem Licht und mit dem Winkel etwa. Abstrakte Konzepte sind da verlässlicher, und Gleichheit/Verschiedenheit ist eben eines davon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2016)