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Aug in Aug mit dem Kranführer

So nah am Arbeitsplatz eines Kranführers ist man selten.
So nah am Arbeitsplatz eines Kranführers ist man selten.Pohl
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Serie „Unterwegs mit . . .“. Einen guten Eindruck von den Herausforderungen des Jobs in einer Krankanzel erhält derjenige, der sich in einem Lastenkorb in atemberaubende Höhe hinaufziehen lässt.

Wien. „Schwindelfrei muss man schon sein“, erzählt Christian Edelsbrunner, Kranführer beim Bad Gleichenberger Bauunternehmen Mandlbauer auf der Baustelle in Wien Hütteldorf, ehe er auf seinen Kran klettert. Mit einem indifferenten Gefühl besteigt man selbst den Lastenkorb, der eigens für die Demonstration von der Baufirma bereitgestellt wurde. Der Korb ist mit einer filigranen Tür gesichert, sonst auf einer Seite mit einem Gitter, auf den anderen nur mit dünnen Verstrebungen. Es empfiehlt sich, nicht daran anzukommen! Innerhalb weniger Sekunden wird der Korb von dem in seiner Kanzel sitzenden Kranführer in rund 48 Metern Höhe emporgehoben. Zum Glück herrscht Windstille bei strahlendem Sonnenschein. Dann dreht sich der Kran um die eigene Achse und beschreibt mit der menschlichen Last einen Kreis. Dabei gerät der Korb durch die Trägheit seiner Masse in eine leichte Pendelbewegung – kommt nach dem Anhalten aber wieder zur Ruhe.

Kräne agieren übereinander

Auf der Baustelle in der Bergmillergasse 8 wird vom Wiener Immobilien-Developer Stix & Partner soeben eine Wohnhausanlage mit 58 Eigentumswohnungen errichtet. Der Fertigstellungstermin ist für Juni 2017 geplant. Bis dahin gibt es für die beiden Baukräne (mit Hakenhöhen von 35 bzw. 50 Metern) noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Die verschiedenen Höhen sind deshalb notwendig, damit die beiden Kräne auch „übereinander agieren können und sich dabei nicht im Weg stehen“, klärt Edelsbrunner auf. Nach einem zweiwöchigen Kurs und positiver Ablegung einer praktischen Abschlussprüfung erhielt er vor 24 Jahren den begehrten Kranführerschein. Was die größte Herausforderung sei? „Man muss immer konzentriert sein. Vor allem dann, wenn Windböen mit bis zu 70 Stundenkilometern auftreten. Jeder Fehler kann Menschenleben kosten.“

Die Ausgesetztheit des Arbeitsplatzes stellt ein Problem in mehrfacher Hinsicht dar: Zunächst muss die Kanzel in rund 55 Metern Höhe zu Fuß über eine Leiter, die gesichert im Inneren des Kranturms angebracht ist, erreicht werden. Das erfordert Kondition, wenn man bedenkt, dass die Distanz zumindest zweimal täglich bewältigt werden muss. „Meist steige ich in der Pause herunter, um eine Jause einzunehmen und aufs WC zu gehen“, erklärt Edelsbrunner. „Wenn allerdings betoniert wird, bleib ich manchmal den ganzen Tag in der Kanzel sitzen.“ Wie dies in puncto menschlicher Bedürfnisse gehen soll, darauf bleibt er eine Antwort schuldig. Die Frage nach einer Klimaanlage in der Krankanzel erübrigt sich für den Kranführer: „Ich hab noch nie mit einem klimatisierten Kran gearbeitet. Weil alles aus Glas ist, kann's da oben sehr heiß werden. Und alle Fenster öffnen geht auch nicht, sonst ist man am nächsten Tag verkühlt.“

Zugseil und Bremsprobe

Die für das jeweilige Projekt passenden Kräne werden ausgeliehen. Im Fall der Baustelle Bergmillergasse 8 lieferte Liebherr die beiden Kräne und richtete sie so ein, dass sie sicher betrieben werden können. Für den Kranführer ist die Bedienung jedesmal eine neue Herausforderung, denn die Modelle reagieren unterschiedlich. Edelsbrunner: „Es braucht rund eine Woche, bis man alle Feinheiten des Krans kennt.“ Es gehört zu seiner täglichen Aufgabe, vor Beginn der Schicht das Zugseil zu inspizieren, eine Bremsprobe durchzuführen und darauf zu achten, dass sich die beförderten Güter richtig „einschleifen“. Ungefähr so, wie ein Pilot vor dem Abflug sein Flugzeug überprüft.

„Derzeit habe ich oft Betonfertigteile mit einem Gewicht von rund 5000 Kilogramm am Haken“, sagt Edelsbrunner. Die Kommunikation auf der Baustelle funktioniert auf Zuruf oder mittels Handzeichen, selten per Walkie-Talkie. „Dann gibt es einen Bauarbeiter, der mich per Funk einweist.“ Passiert ist in all den Jahren glücklicherweise noch nie etwas.

Erfahrene Kranführer sind in der Branche begehrt. „Die Bezahlung könnte aber ruhig höher sein“, meint Edelsbrunner und erklimmt wieder seinen Arbeitsplatz.

WAS ENTSCHEIDEND IST BEIM KRANFAHREN

Sicherheit


Ausbildung. Absolute Sicherheit ist auf Baustellen Bedingung für professionelles Arbeiten. Kranführer werden in der Ausbildung speziell auf Kenntnisse der Arbeitssicherheit, Sicherheitseinrichtungen, Betrieb und Wartung sowie Arbeitnehmerschutzvorrichtungen geschult. Der mehrtägige Kurs umfasst außerdem Grundbegriffe der Mechanik und Elektrotechnik genauso wie den Aufbau und die Arbeitsweise eines Krans. Ein wesentlicher Teil der Ausbildung besteht aus praktischen Übungen, die räumliches Denken und Feingefühl beim Transportieren von Lasten vermitteln sollen. Um mit den neuesten Kranmodellen vertraut zu sein, bieten die Hersteller jährliche Fortbildungskurse an.

Typenkunde

Vielfalt. Es gibt für unterschiedliche Aufgabenstellungen verschiedene Krantypen: Laufkräne heben Lasten bis zu 120 Tonnen und sind die ideale Lösung für besonders schwere Aufgaben und große Spannweiten. Sie sind fix in Hallen installiert. Ein Portalkran ist ein ortsgebundener, aber beweglicher Kran mit Laufkatzen, der zum Beispiel beim Transport von Containern in Hafenanlagen zum Einsatz kommt.Dreh-, Ausleger oder Baukräne kommen auf Baustellen zum Einsatz und werden entweder von einem Kranführer aus der Kanzel (siehe nebenstehenden Bericht) oder per Fernsteuerung bedient. Dabei steht der Kranführer auf dem Boden und überwacht das Geschehen hautnah. Ein Fahrzeugkran oder Mobilkran (auch Autokran oder Kranwagen genannt) ist ein fahrbarer Auslegerkran auf einem Rad- oder Kettenfahrwerk.

 


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(Print-Ausgabe, 16.07.2016)