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Im Totentanz sind alle Menschen gleich

Schädel
SchädelMichaela Seidler
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Wie stellten sich die Menschen im Mittelalter Tod und Sterben vor? Die französische „Danse Macabre“ zeigt den verlorenen Kampf um das Leben. Klagenfurter Forscher analysieren nun historische Texte und Bilder.

Die erste bekannte französische „Danse Macabre“ wies auf einer Friedhofsmauer im Paris der 1420er-Jahre in Bildern und Texten darauf hin, dass im Tod alle Menschen gleich sind. König, Ritter und Bettelmann, Papst, Abt und Mönch feilschten mit dem Tod erfolglos um ihr Leben. Im 17. Jahrhundert wurde die Darstellung komplett zerstört, fünfzehn verschiedene Kopien des Textes blieben erhalten. Dennoch gilt sie als Schlüsselwerk, das zur Verbreitung des Totentanz-Motivs in Europa beitrug. In Österreich beispielsweise ist die älteste Totentanzdarstellung im Kärntner Metnitz zu finden, das Spiel wird auch heute noch periodisch aufgeführt.

Die Russin Alina Zvonareva hat an der Universität von Padua zur italienischen Rezeption des französischen „Danse Macabre“ gearbeitet und sich wissenschaftlich damit beschäftigt, wie sich die katalanische Version davon unterscheidet. Am Institut für Romanistik der Universität Klagenfurt wird sie nun, finanziert durch den Wissenschaftsfonds FWF, die erhaltenen Handschriften, Inkunabeln und Wandmalereien textkritisch analysieren. Außerdem wird sie ihre Verbreitung im romanischen Sprachraum am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance bestimmen.

 

Hirten und Gefängniswärter

„Die Unterschiede in den Darstellungen sind sehr groß“, sagt sie. „Während in einer der frühen gedruckten Versionen ein Schafhirte, ein Gefängniswärter und ein Lehrer erscheinen, beschränkt sich eine der katalanischen Totentanz-Versionen auf die Angehörigen des Königshofes von Aragon.“ Die französische „Danse Macabre“ sei „genau und wahrheitsgetreu, eine ironische Darstellung der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Sie zeigt sowohl weltliche als auch klerikale Motive sowie Metaphern, wie Tanz, Musik und Gewalt“, so die Philologin.

In Klagenfurt arbeitet Zvonareva am Zentrum für romanistische Mediävistik (ZRM), also Mittelalterforschung, das der dortige Linguist Raymund Wilhelm zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Susanne Friede leitet. „In der deutschsprachigen Forschung ist die romanistische Mediävistik weitgehend verschwunden“, sagt er. „Deshalb setzen wir einen Gegenpol; denn international ist die Mediävistik sehr präsent.“ Vor allem Doktoranden und Postdocs könnten für Forschungsarbeiten zur Sprache und Literatur des Mittelalters gewonnen werden.

Zvonareva weist darauf hin, wie realitätsgetreu die mittelalterliche Gesellschaft abgebildet wird. Frauen kommen in vielen Totentanzdarstellungen vor, zunächst als Äbtissin oder Nonne, aber auch eine Witwe oder eine Liebende („Amoureuse“). Arbeitende Frauen, Bäuerinnen oder Handwerkerinnen hingegen blieben außen vor. Es existiert jedoch auch ein „Danse Macabre des femmes“, ein Totentanz der Frauen, aus dem Jahr 1482 als eigenständiges Gedicht.

Wie die Gesellschaft sich veränderte, so veränderte sich auch die Zusammensetzung der Tanzenden. In den verschiedenen Textversionen erkennt Zvonareva deutliche Dynamik. Sie stehen jedoch im größeren Rahmen der Pest, die im Mittelalter die verschiedenen Gesellschaftsschichten in gleicher Weise heimsuchte. „Der Totentanz ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, und dementsprechend werden immer wieder neue Akzente gesetzt“, sagt sie.

 

Der Übergang zur Handschrift

Zvonareva wird in Klagenfurt in ihrer Arbeit einen komparatistischen, also vergleichenden Ansatz verfolgen. Sie freut sich darauf, hier auf ein expandierendes Institut zu treffen, das ihre eher technischen linguistisch-philologischen Ansätze unterstützt. Zunächst sollen fünfzehn französische Handschriften und die frühesten Drucke analysiert werden, hinzu kommen die katalanischen, okzitanischen und italienischen Texte. Dabei gilt dem Übergang von der Wandmalerei zur Handschrift und zum Druck besondere Aufmerksamkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2016)