Das Festival ImPulsTanz bietet erstmals fächerübergreifende Workshops mit Performance und bildender Kunst. Leiter Rio Rutzinger verspricht „Wartesaal-Choreografien“.
Dass Rio Rutzinger besorgt ist, sieht man ihm gar nicht an. Er schaut beim Interview ziemlich entspannt aus, wenn man bedenkt, dass er mit Festivalintendant Karl Regensburger und anderen seit Wochen die Nächte durcharbeitet. Rutzinger ist beim ImPulsTanz für die Workshops zuständig, ohne die Europas größtes Festival für zeitgenössischen Tanz nicht das wäre, was es ist: ein Ort der Begegnung, ein Angelpunkt zwischen unterschiedlichsten Tanzstilen und Kulturen, der Auslöser für ein „Grundstrahlen“, das Rutzinger auf den Gängen vor und nach den Workshops ortet. Es ist, wie bei den Performances, eine eigene Welt, die ihr Publikum gefunden hat.
Und das bereitet Rutzinger Sorgen: Diese „ziemlich einzigartige Idee“, die er mit Tino Sehgal ausgeheckt hat – eine Workshopreihe unter dem Titel „Visual Arts X Dance“. Geplant sind 40 fächerübergreifende Workshops, die je ein bildender Künstler und ein Tänzer/Choreograf bzw. Theatermacher gemeinsam halten. „Workshop! So etwas ist in der bildenden Kunst ja nicht üblich“, erklärt Rutzinger, warum das Projekt so schwierig anlief. „Tino hat zum Beispiel Roman Ondák angerufen, mit dem Xavier Le Roy oder Jennifer Lacey gern arbeiten wollten. Die haben eine Dreiviertelstunde telefoniert. Tino hat geschwärmt, wie toll dieses Arts-Festival ist – Dance-Festival wollte er gar nicht sagen. Aber als Ondák das Wort Workshop gehört hat, hieß es: ,No, thank you!‘“ Dazu kommt, dass ImPulsTanz „nicht so viel zahlen kann, wie in der bildenden Kunst üblich“. Rutzinger veranschaulicht die finanzielle Lage: „Uns gehören nur die 230 Fahrräder und 5000 Meter Tanzboden.“
40 fächerübergreifende Workshops sind dennoch zustande gekommen. Bei Kapazundern wie dem Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist, der mit dem Berliner Festspiel-Intendanten Thomas Oberender einen Über-Nacht-Workshop über kuratorische Formate hält, muss sich Rutzinger keine Sorgen machen. Die werden ihr Publikum finden. Auch MoMa-PS1-Direktor Klaus Biesenbach und der ehemalige Hamburger Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg sind eine sichere Bank. Aber sonst? „Die bildende Kunst hat uns nicht auf dem Radar“, meint Rutzinger.
Schade, denn es dürfte interessant werden. Etwa mit Wolfgang Gantner von Gelitin und Julia Rublow. Beide kommen aus der bildenden Kunst und werden sich als Kontrast zum Tanzfestival damit beschäftigten, „sich so immobil wie möglich zu machen“: „Amputationstanz“ nennt sich das – Eingipsen inklusive. Sonia Leimer und Anne Juren laden unter dem Titel „Blinder Fleck“ zu einer „introspektiven Reise“ durch die Nacht. „Kopfkino“ ist das Schlagwort. Meg Stuart und Paweł Althamer wollen – beginnend mit „gemeinsamem Zeichnen“ – interne und externe Räume reflektieren. „Die planen eine Wartesaal-Choreografie“, plaudert Rutzinger aus. Wie die Leute in der Krankenhausambulanz wohl darauf reagieren werden?
Auch das Festival nimmt Kontakt zur bildenden Kunst auf: Im Leopold-Museum war über den Sommer eine Etage frei – jetzt finden dort 18 Performances statt, die eigens dafür geschaffen oder als „Museumsversion“ adaptiert werden. „Das ist eine Herausforderung“, sagt Rutzinger. „Was tue ich als Choreograf mit dem leeren Kunstraum? Es gibt keine Tribüne, keine Lichter.“ Ein Raum zum Füllen und Mit-dem-Publikum-Teilen.
ZUR PERSON
Rio Rutzinger ist künstlerischer Leiter Workshops & Research beim ImPulsTanz und betreut das Stipendienprogramm DanceWEB. Tino Sehgal zeigt eine Auswahl seiner Arbeiten als Videodauerschleife im Leopold-Museum. Termine & Infos: www.impulstanz.com [ Stanislav Jenis ]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2016)