Der Krieg um die Deutung der Geschichte

RUSSLANDS GESCHICHTSBILD. Auch die heutige russische Elite tut sich überaus schwer, Ursachen und Folgen des „Großen Vaterländischen Kriegs“ nüchtern zu betrachten. Das belastet das Verhältnis zu Polen.

In Russland, sagt man, ist das Erstellen von Prognosen gleich doppelt schwer. In Russland nämlich, so wird gescherzt, ist nicht nur die Zukunft ungewiss. Es lässt sich auch die Vergangenheit nicht vorhersagen. Konkret ist es die Geschichte des 20. Jahrhunderts, deren Interpretation konsequent mehrdeutig und wechselhaft ausfällt.

Und weil sich die russische Deutung des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsgeschichte gerade in der Ära Wladimir Putins wieder tendenziell immer weniger mit der Interpretation in Moskaus einstigem Satellitenstaat Polen und den baltischen Ex-Sowjetrepubliken deckte, waren die bilateralen Verhältnisse im letzten Jahrzehnt auf einen neuen Tiefpunkt abgekühlt. Gut war das Verhältnis gerade im Falle Polens ohnehin nie: Weil die Polen als Einzige jemals den Moskauer Kreml okkupiert hatten (17. Jahrhundert), wurde 2004 der russische Nationalfeiertag vom 7. November auf den 4. 11. (Vertreibung der polnischen Okkupanten) verlegt.

Mit umso größerer Spannung wird daher Putins Rede am heutigen Dienstag in Danzig erwartet. Ebendort hatte vor genau 70 Jahren der Zweite Weltkrieg begonnen. Und ebendort wird mit gesteigerter Aufmerksamkeit gelauscht werden, ob Putin teilweise Korrekturen an der russischen Sichtweise des Krieges, der hier immer noch als „Großer Vaterländischer Krieg“ gefeiert wird, vornimmt.

Stalin ist noch immer beliebt

Hatte sich nämlich Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion mit dem einstigen Kriegsgegner Deutschland auf wundersame Weise im Nu ausgesöhnt, so ging das Ringen mit Russlands westlichen Nachbarstaaten bis zuletzt weiter. Wichtigster Streitpunkt: Während das Kriegsende 1945 für Westeuropa eine Befreiung vom faschistischen Joch gewesen war, so war in Ostmitteleuropa auf das nationalsozialistische das stalinistisch-sowjetische Regime gefolgt.

Als fatal gilt der Hitler-Stalin-Pakt (beziehungsweise Molotow-Ribbentrop-Pakt), in dessen geheimem Zusatzprotokoll bereits 1939 festlegt worden war, wie Ostmitteleuropa nach dem Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt werden sollte.

Gewiss, die UdSSR selbst hatte im Jahr 1989 die Zusatzprotokolle verurteilt. Aber restaurative Tendenzen unter Putin wurden in den Nachbarstaaten hellhörig bis empört wahrgenommen. Ebenso, dass laut einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts „Lewada-Centr“ die Rolle Stalins in der einheimischen Geschichte von 39 Prozent der Bürger positiv und nur von 38 Prozent negativ beurteilt wird.

Dazu kam konkret mit Polen das Problem „Katyn“, jenes Ortes im heutigen Weißrussland, an dem der sowjetische Geheimdienst rund 15.000 polnische Offiziere ermordet hatte. Die polnische und die russische Staatsanwaltschaft ermittelten in den letzten Jahren. Abschließend freilich hat die russische Militärstaatsanwaltschaft verkündet, es gehe hier nicht um Völkermord, und der größte Teil der Prozessakten sei der Geheimhaltung unterworfen.

Aus Putins Regierungsapparat verlautete noch zu Wochenbeginn, dass kein Kompromiss in dieser Frage möglich sei. Stattdessen sorgte Putin selbst am Montag mit einem Gastbeitrag in der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ für positive Stimmung, indem er erklärte, der Hitler-Stalin-Pakt könne ohne jeden Zweifel verurteilt werden.

Der Entspannungsversuch kommt nach Wochen eines Propagandakrieges in den Medien beider Länder. Der polnische Parlamentschef Bronislaw Komorowski reagierte auf Putins Artikel mit „großer Erleichterung und Hoffnung“. Unabhängig von Putins Rede steht freilich Russland selbst der große Kraftakt im Umgang mit der Geschichte bevor. Dabei geht es vor allem um eine radikale Distanzierung von Stalin, die schon in den 1990er-Jahren wegen der anhaltenden Stärke der Kommunisten ausgeblieben ist.

Rituale für den Siegerkult

Im Gegenteil: Da in Ermangelung anderer gesellschaftlicher Bindemittel der Sieg über den Faschismus zum Hauptpfeiler der nationalen Identität wurde, ließ Putin die Militärparaden am Siegesfeiertag, dem 9. Mai, immer größer abhalten und den Sieg mit kollektiven Ritualen des Siegerkultes reproduzieren. „Für den schwierigen Alltag der Kriegsgeneration aber wurde bisher keine Sprache gefunden“, meint Lewada-Chef, Lew Gudkow: „Nie wurde reflektiert, warum der Preis des Sieges mit 27 Millionen Toten so hoch war.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2009)

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