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Terrorangst – neue Normalität an der Côte d'Azur

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Eine Rose bedeckt einen Blutfleck auf der Promenade des Anglais in Nizza, die nach einer 40-stündigen Sperre wieder geöffnet wurde.APA/AFP/GIUSEPPE CACACE
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Der Anschlag in Nizza an der Promenade des Anglais am Abend des Nationalfeiertags hat auch die Franzosen fernab von Paris desillusioniert. Der Ausnahmezustand ist nach acht Monaten kein Provisorium mehr.

Der früher so mythische Ort ist wieder zugänglich. Die Promenade des Anglais am türkisblauen Meer in Nizza war zum ersten Mal in ihrer Geschichte mehr als 40 Stunden gesperrt, das Leben stand still. Touristen in Badehosen und Sommerkleidern saßen noch am Samstagmorgen in den umliegenden Cafés und warteten darauf, wieder baden zu gehen. Sie sehnten sich nach einem normalen Urlaubstag. Die brachiale Fahrt eines jungen Mannes mit einem Schwerlaster über Männer, Frauen und Kinder am Donnerstagabend schien schon wieder aus einer anderen Zeit. Die rot gepflasterte Promenade ist gereinigt, Kerzen erinnern an die mehr als 80 Opfer des Attentats in der Nacht des 14. Juli, des Nationalfeiertags.

Nizza hat sich in den eineinhalb Tagen seit Donnerstagabend schlagartig verändert: Die Stadt an der Côte d'Azur, nahe der italienischen Grenze, fühlte sich bisher von den politischen Bedrohungen in der Hauptstadt Paris weit entfernt. „Hier sind wir auch nicht mehr sicher“, sagen nun die Südfranzosen in einer Mischung aus Wut und Erstaunen.


Endlich wieder unbeschwert feiern. Dabei sollte endlich wieder die Normalität einziehen. Endlich sollten wieder unbeschwert Feste in den Städten über die Bühne gehen können, und die hässlichen Absperrgitter vor den Rathäusern und Kindergärten sollten abgebaut werden. Endlich wollten die Franzosen wieder das Gefühl haben, das Leben zu genießen, zu feiern, wie jedes Jahr die französische Revolution anno 1789 zu zelebrieren, mit einem Feuerwerk, Musik und viel Rosé. Aber nun, da ein Amokfahrer über die Meerespromenade gerast ist und mehr als 80 Menschen in den Tod gerissen hat, ist die Hoffnung auf einen angenehmen Alltag auch gleich mitbegraben.

Nun herrscht wieder die Angst wie nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November, wieder überschlagen sich die Anrufe von Freunden und Familien, ob man sich nicht möglicherweise am falschen Ort in Frankreich aufgehalten habe. Wieder blicken die Kinder ihre Eltern fragend an, und wieder versucht Präsident François Hollande, mit einem Ausnahmezustand, mit Gittern und Elternverboten in Schulen und Kindergärten eine Sicherheit vorzugaukeln, die es nicht geben kann, wenn ein Lastwagen ausreicht, um einen terroristischen Anschlag zu verüben.

Der Attentäter hat ein Ziel ausgewählt, das für Nizza ein Wahrzeichen ist wie der Eiffelturm für Paris oder das Bradenburger Tor für Berlin: Die Promenade des Anglais, die Flaniermeile, zieht sich über sieben Kilometer am Meer entlang und ist ein Magnet für Touristen aus aller Welt. Nicht ein Bewohner Südfrankreichs, der nicht schon auf der Promenade geschlendert wäre. Nicht ein Tourist in Nizza, der nicht vom roten Asphalt aus auf das Meer geschaut hätte, nicht eine Familie, die nicht schon mit ihren Kindern unter einer der Dattelpalmen ein Eis gegessen hätte. Mit dem Attentat ist ein Ort beschmutzt worden, der allen gehört hat – den Reichen der Côte d'Azur, die in den Restaurants am Strand ihre Austern verspeisen, den Jugendlichen, die abends am Strand Gitarre spielen und Rotwein aus Tetrapaks trinken, und den Touristen, die sich auf den Kieselsteinen in der Sonne aalen. Es ist ein Ort, an dem sich alle Menschen und Nationalitäten mischen – viel bunter und gemischter als es die exklusiven Strände im benachbarten Cannes oder in Saint Tropez sind.

Ausgerechnet hier bricht der Täter zu seiner Todestour auf, und das auch noch am 14. Juli. An kaum einem anderen Tag ist die Promenade in Nizza so von Menschen bevölkert wie am Nationalfeiertag. Das Feuerwerk hellt minutenlang die von Palmen gesäumte Flaniermeile am Meer auf, Zehntausende Touristen an der Côte d'Azur haben sich zum Höhepunkt des Jahres eingefunden, der nun für immer von diesem Attentat überschattet sein wird.


Totschweigen. Der Ausnahmezustand wird nun erneut um drei Monate verlängert und damit auch all die Vorschriften, die seit dem Attentat vom November in Paris eingeführt wurden. „Es bringt ja doch alles nichts“, sagen Freunde nun. Denn wer hält Menschen auf, die offenbar nur noch großen Hass auf die französische Gesellschaft empfinden? Niemand kann sie aufhalten, sagen viele Franzosen, und die Bäckersfrau weigert sich, „un mot“, überhaupt nur „ein Wort“ über das Attentat zu verlieren, weil sie „ihr Frankreich“ zurückhaben will und über das Totschweigen vielleicht wieder daran glauben kann.

Die südfranzösische Stadt ist wiederholt mit der jihadistischen Bewegung in Verbindung gebracht worden. Vor allem ein Name fällt dabei immer wieder: Oumar Diaby, besser bekannt als Omar Omsen. Der Franko-Senegalese soll viele Franzosen für den Jihad in Syrien rekrutiert haben. Er ist der Autor zahlreicher Propagandavideos und war als selbst ernannter Imam und radikaler Hassprediger in Nizza aktiv. Seit 2013 hält er sich in Syrien auf. Aber ob der Attentäter Mohammed Lahouaiej Bouhlel wirklich zur radikalen islamistischen Szene gehört oder nur ein einzelner Gewalttäter war, ist weiter unklar – auch wenn der IS nun den Anschlag für sich reklamiert.

Mohammed Lahouaiej Bouhlel, der Täter vom Donnerstagabend, war bisher ein unbeschriebenes Blatt, zumindest im islamistischen Milieu. Er wohnte in heruntergekommenen Gegenden von Nizza, erst mit seiner Frau und den drei Kindern im Norden der Stadt, da, wo die Straßenbahn aufhört und die Hochhäuser anfangen, und schließlich soll er in einer Wohnung auf der Route de Turin gelebt haben, einer langen Ausfallstraße, in der die Fassaden grau und die Menschen arm sind. Wie schon bei den Pariser Attentaten kommt der Täter aus einem der trostlosen Vororte.

Als nach dem Ende der Kolonialkriege viele Nordafrikaner nach Frankreich einwanderten, wurden diese Vororte hochgezogen, meist graue Hochhäuser vor den Toren der Stadt, isoliert und ohne ein Zentrum. In Nizza hält die U-förmige Tramlinie an beiden Enden einige hundert Meter vor den Wohntürmen, und sicherlich verirren sich nur sehr wenige der jährlich vier Millionen Touristen in diese Gegenden. Sie sind ein Sinnbild für die verlorenen Seelen Frankreichs geworden, für eine Trennung der Gesellschaft, für Straßen, in denen frustrierte und später gewaltbereite Männer heranwachsen. Für viele Menschen sind sie Alltag.

Schon beim großen Karneval im Februar gab es Terrorwarnungen, aber alles ging gut. Auch das Achtelfinale der Fußball-EM im Stadion von Nizza lief wie am Schnürchen, die Menschen atmeten auf. Mit den vielen Toten von der Promenade nun ist wieder alles anders, Marine Le Pen, die Frontfrau des rechtsextremen Front National, möchte die Grenzen schließen, und wahrscheinlich wird sie bei den Präsidentenwahlen im April in Südfrankreich wieder ihre besten Ergebnisse einfahren. Vielleicht auch, weil ihre Wähler die von ihnen so gefürchteten Muslime nie zu Gesicht bekommen, so als lebten sie auf einem anderen Stern.

Dabei schien es ein friedlicher Sommer zu werden. Nach der gelungenen Europameisterschaft, in der sich nur ein paar besoffene Fans prügelten und ansonsten alles gut lief, hatte Hollande am Nationalfeiertag zunächst ja angekündigt, den Ausnahmezustand zu beenden. Eine Freundin rief nach dieser Nachricht extra an, so groß war die Freude darüber, den État d'urgence loszuwerden.


Debatte über höhere Zäune in Schulen. Denn der Ausnahmezustand hat das Leben in Frankreich nicht drastisch, aber doch schleichend verändert. Weil überall die roten Warndreiecke prangten, und weil man die Kinder nicht mehr am Klassenraum im Kindergarten abgeben konnte, sondern bereits am Eingangstor „au revoir“ sagen musste. Weil beim Karneval in Nizza, nach Rio und Venedig dem größten der Welt, schwerbewaffnete Männer die Clowns bewachten, weil Feste abgesagt und Rucksäcke in Einkaufszentren gefilzt wurden. Und weil der Elternbeirat der Grundschule plötzlich nicht mehr für biologisches Essen in der Kantine stritt, sondern stundenlang über höhere Zäune um den Schulhof debattierte. Der Alltag ist gespickt mit sinnlosen Versuchen, den Terrorismus einzudämmen, aber das Gefühl bleibt, dass keine Spezialkräfte der Welt die Franzosen schützen können, so lange Frankreich seine zugewanderten Familien in triste Banlieues verbannt – in Nizza, Marseille oder Paris.

Doch Fragen nach den tieferen Ursachen für die Gewalt und den Terror möchten nur wenige stellen. Schon bei den vergangenen Wahlen hat in einigen Stadtteilen mehr als jede zweite Person für den Front National gestimmt, in aktuellen Umfragen kommt Marine Le Pen auf noch mehr Anhänger. Die Wut wächst und zugleich, und das ist das Erstaunliche, auch die Gleichgültigkeit, ja, die Akzeptanz der Ausnahme.

Denn etwas hat sich doch verändert seit den Attentaten in Paris vor nunmehr acht Monaten: Damals noch waren Nachbarn und Freunde davon überrumpelt, dass Frankreich ein Ziel von Attentaten sein kann. Diesmal tritt etwas ein, mit dem fast schon alle gerechnet haben, so häufig wie über die Gefahr in den Nachrichten berichtet wird. „Das überrascht mich nicht“, heißt es nun, auch wenn es diesmal direkt in der Nachbarschaft geschieht und nicht in der 900 Kilometer entfernten Hauptstadt. Wir haben uns daran gewöhnt, im Ausnahmezustand zu sein – das normale, sorglose Leben ist für viele Franzosen, und nun erst recht für die Südfranzosen, wieder in weite Ferne gerückt.

Anschläge

12

Menschen
sterben am 7. Jänner 2015 beim Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Ein Täter erschießt danach eine Polizistin und nimmt in einem jüdischen Supermarkt Geiseln, von denen er vier ermordet.

130

Todesopfer

bei einer koordinierten Anschlagsserie in Paris am 13. November 2015: IS-Extremisten richten in der Konzerthalle Bataclan ein Massaker an, Bars und Restaurants werden beschossen, am Stade de France sprengen sich während des Fußball-Länderspiels Frankreich– Deutschland drei Selbstmordattentäter in die Luft.

84

Menschen

kommen am 14. Juli in Nizza ums Leben, als ein Franko-Tunesier mit einem Lkw auf der Strandpromenade Amok fährt.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir trauern um die Opfer in Nizza.

Hass, Hetze, einseitiges Pauschalisieren gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen, Religionen oder Rassismus haben hier keinen Platz.
Gleiches gilt für Aufrufe zur Gewalt.
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Die Presse Community-Team (mkf)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2016)