Retourkutsche von der „Rampensau“

Sommer ist. Da dürfen keine bohrenden Fragen gestellt, keine klaren Antworten gefordert, keine Ansprüche an Radio und TV erhoben werden. Im Sommer schlürft die feine Gesellschaft Wein im schicken Festspielambiente – und ist froh, dass das politische Leben erst im September wieder seinen unbequemen Lauf nimmt. Wer sich nicht für Roben und Tratsch interessiert, dem kann in der politischen Sommerpause schnarchfad werden. Und der ORF? Der breitet ein unschuldsweißes Kopfkissen drunter.

Beispiel eins: jenes Ö3-„Frühstück“, bei dem Werner Faymann den Zuhörern seine Vorzüge fingerdick aufs Kipferl strich. Ein Bundeskanzler mit Gewichtsproblemen, der trotzdem Guglhupf isst und sich bei bösen Gerüchten über andere die Ohren zuhält... Zwei Radiostunden ORF-Kuschelkurs mit dem SP-Politiker. Ganz ohne bleischwere politische Inhalte.

Beispiel zwei: die leidigen ORF-„Sommergespräche“. Die Künstler, die mit Ingrid Thurnher die Fragen stellen, sind in dieser für sie ungewohnten Rolle zwangsläufig exotisch. Sie fragen subjektiv, sind dabei zu sanft, zu wadlbeißerisch, zu naiv, je nach Charakter. Vorläufiger Tiefpunkt: Monica Weinzettl brachte gegen FPÖ-Chef H.-C. Strache dessen Sternzeichen vor (als Zwilling habe er „zwei Gesichter“) und apostrophierte ihn als „Rampensau“. Die Retourkutsche saß. Ein solches Leichtgewicht hebelt Strache mit zwei Nebensätzen aus.

Auch die Wahl der Schauplätze lässt darauf schließen, dass es dem ORF nur um den Showeffekt geht: Die Aufzeichnung auf Festspielbühnen bringt inhaltlich nichts, dafür lästige externe Einflüsse wie Regen und ohrenbetäubendes Glockenläuten.

Faymann soll es sich für sein TV-Interview „gerichtet“ haben, unkt nun die ÖVP. Stefan Ruzowitzky werde den Kanzler nicht allzu sehr zwicken. Das ist vielleicht eine Unterstellung – allzu viel erwarten sollte man sich aber nicht. Denn im Sommer schlürft auch die feine ORF-Gesellschaft offenbar lieber Wein im schicken Festspielambiente. Schnarchfad ist das!


isabella.wallnoefer@diepresse.com

Keine bohrenden Fragen, keine Ansprüche an TV und Radio. Was für ein schnarchfader Sommer!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2009)

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